Leute vom 28.07.2010
Wilhelms Abschied in den Traumjob
Regierungssprecher Ulrich Wilhelm hängt seinen Posten in Berlin an den Nagel und wird BR-Intendant.
Berlin (ddp-bay) - Fast eine Stunde dauert die letzte Regierungspressekonferenz von Ulrich Wilhelm. Dabei wird der scheidende Regierungssprecher am Mittwoch noch einmal richtig gefordert: Der 49-Jährige muss den Deutschlandfonds und das Ziel der Vollbeschäftigung erklären, das neue Stipendienprogramm für Beststudenten verteidigen und die Frage einer gezielten Tötungen von Taliban-Führern in Afghanistan politisch einsortieren. Und die Frage beantworten, ob er in seiner Zeit als Regierungssprecher schon mal die Journalisten belügen musste.
Vier Jahre und neun Monate war Wilhelm "Chefverkäufer" der Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Ob er angesichts der historisch schlechten Umfragewerte für die Union den Eindruck habe, "ein sinkendes Schiff zu verlassen"? Nein. "Umfragen sind flüchtig und hinken auch meistens der tatsächlichen Entwicklung hinterher", sagt Wilhelm routiniert. Ihm nimmt man das ab.
Insgesamt 328 Mal hat Wilhelm seit 2005 als Chef des Bundespresseamtes den Hauptstadtjournalisten Rede und Antwort gestanden. In dieser Zeit hat er die deutsche EU-Ratspräsidentschaft und parallel dazu die deutsche G8-Präsidentschaft gemeistert, NATO-Gipfel auf deutscher Seite medial mit in Szene gesetzt - und sich den Ruf als das "Lächeln der Kanzlerin" erworben. "Höflich, selbst im größten Stress freundlich und bis zum Umfallen loyal", sagen Weggefährten und Journalisten übereinstimmend.
Nach kurzem Einstieg in den Journalismus war Wilhelm 1991 als Beamter in den Dienst des bayerischen Staatsministeriums des Inneren gewechselt, 1993 in die Staatskanzlei und wurde später Sprecher des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU). 2002 war es Wilhelms Aufgabe, zunächst den kantigen Bayern in der Bundeshauptstadt als Kanzlerkandidaten zu präsentieren, drei Jahre später holte die Kanzlerin Wilhelm nach Berlin. Sein Fazit aus all den Ämtern: "Wir haben nicht ein kritisches Urteil zu fürchten, allenfalls ein oberflächliches."
Zum Abschluss bekommt Wilhelm von der Bundespressekonferenz ein altes Messing-Fernrohr geschenkt. Fotografieren lassen will er sich damit lieber nicht. Auch der Kanzlerin würde er davon abraten, sagt der Regierungssprecher mit einem breiten Lächeln. Sonst hieße es bald in der Presse: "Weitblick gesucht!". Selbst diese möglichen Bildunterschriften hat Wilhelm im Hinterkopf. Doch kann er eine Abfuhr auch nett verpacken: Eigentlich, so sagt er, müsse man in unserer schnelllebigen Zeit das Fernrohr umdrehen, "um die Dinge in eine gewisse Distanz zu rücken".
Für diese Distanz sorgt Werner Gößling, der Vorsitzende der Bundespressekonferenz. Seit 2005 im Amt habe der gebürtige Bayer die durchschnittliche Verweildauer der Regierungssprecher um einen Monat auf 2,5 Jahre angehoben - und nur drei der bislang 24 Regierungssprecher seien länger im Amt gewesen als er. Doch sollte Wilhelm, der jetzt nach München auf den Posten des Intendanten des Bayerischen Rundfunks wechselt, nicht vergessen, dass auch zwei Mal "erfolgreiche Regierungssprecher" wieder zurückgeholt worden seien. Kanzleramtschef Ronald Pofalla sieht diesen Krisenfall nicht voraus. Wilhelm trete schließlich seien "Traumjob" an.
Im preußischen Berlin gibt es zunächst einen herzlichen Abschied für den CSU-Mann Wilhelm, der zum Integrationspunkt zweier Koalitionen werden konnte. Der frühere Bundespräsidentensprecher Martin Kothé hat dafür eine einfache Erklärung: "Wilhelm hat es verstanden, Vertrauen zu schaffen und zu bewahren. Und er war ein treuer Diener seiner Chefin. Mehr ist nicht zu erwarten."