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Regelmäßige Bewerbungen machen Medienprofis sicherer

Regelmäßige Bewerbungen machen Medienprofis sicherer Attila Albert (Foto: T. Ramsey)

Karriere-Coach Attila Albert erklärt, warum Bewerbungen auch dann sinnvoll sein können, wenn man gar nicht dringend nach einer neuen Stelle sucht – von der eigenen Selbstpräsentation bis zur Einschätzung des persönlichen Marktwerts.

Berlin – Mit Bewerbungen verbinden Medienprofis die unterschiedlichsten Assoziationen. Manche fürchten sich davor; aus ihrer Sicht handelt es sich dabei um eine unangenehme Pflicht, eine Prüfung, die man wahrscheinlich nicht bestehen wird. Andere freuen sich darauf; sie sehen darin die Gelegenheit, neue berufliche Chancen zu erkunden, ihren Marktwert zu testen und ihr Netzwerk auszubauen. Wieder andere sind eher indifferent; sie bewerben sich, wenn ihnen eine Stellenausschreibung besonders interessant erscheint. Dem Verfahren sehen sie gelassen entgegen, haben durch die Seltenheit ihrer Bewerbungen aber wenig Übung.

 

Dabei sind regelmäßige Bewerbungen aus vielen Gründen empfehlenswert, gerade dann, wenn man gar nicht dringend sucht. Sie erlauben es, die Selbstpräsentation – wer man ist, was man anbietet und sucht – zu vervollkommnen, selbstbewusst, offen und interessiert in Vorstellungsgespräche zu gehen. Gleichzeitig entwickelt man mit der Zeit ein Gespür für die wahrscheinlich wahre Lage des Unternehmens, denn viele Stellenanzeigen geben eher eine Idealvorstellung als die betriebliche Realität wieder. Auch Grenzen (z. B. bei überzogenen Assessments und Testaufgaben) setzt man damit zunehmend leichter.


Heutige Anforderungen und Erwartungen erkunden
Jeder Bewerbungsprozess bietet die Chance, mehr über die aktuellen Herausforderungen der Medienbranche und einzelner Unternehmen zu erfahren, ebenso über die heutigen Anforderungen und Erwartungen an Mitarbeiter. Der Einblick in ganz unterschiedliche Wahrnehmungen der Situation, Ziele und Lösungsansätze fördert den Abgleich mit den bisherigen eigenen Annahmen. Gerade langjährig Angestellte profitieren davon, etwas anderes als das Gewohnte zu sehen und zu hören. Selbst, wenn es mit dieser speziellen Stelle nichts wird, ergeben sich mit jedem Gespräch neue Anregungen und Kontakte.


Wer sich regelmäßig bewirbt, misst der einzelnen Bewerbung auch weniger Bedeutung zu. Er ist weniger aufgeregt und wirkt dadurch gelassen und selbstbewusst. Aus dieser Position heraus lässt sich ebenbürtig diskutieren und verhandeln; man ist kein Bittsteller, sondern ein Profi, der interessiert, aber nicht auf diese Stelle angewiesen ist. Das macht einen ganz anderen Eindruck als Bewerber, die erkennbar verzweifelt sind und deswegen alles akzeptieren würden. Problematische Angebote (z. B. überfrachtetes Stellenprofil, unklare Zuständigkeiten, zu niedriges Gehalt) lehnt man so leichter ab.


Persönlicher Marktwert umfasst mehr als das Einkommen
Selbstsicherheit und Routine bei Bewerbungen erlauben es auch erst, sich wirklich auf sein Gegenüber einzulassen und die Situation realistisch einzuschätzen. Statt vor allem mit eigenen Sorgen und Ängsten beschäftigt zu sein – wie wirke ich, sage ich jetzt auch nichts Falsches? –, kann man genauer zuhören und besser beobachten. Oft geben gerade die Zwischentöne wertvolle Hinweise auf die Unternehmenskultur, auf Unstimmigkeiten und Probleme bei einem möglichen neuen Arbeitgeber. Beispiel: Auf Nachfrage stellt sich heraus, dass schon mehrere Stelleninhaber in kurzer Folge wieder gekündigt haben.


Der persönliche Marktwert misst sich nicht nur im angebotenen Jahreseinkommen und weiteren Extras (z. B. Umzugshilfe). Mit regelmäßigen Bewerbungen wird einem auch klarer, was andere in einem sehen, ob sie beispielsweise erkennen lassen, dass man sich immer wieder auf hierarchisch zu niedrige Positionen bewirbt. Beispiel: Sich im mittleren Alter als Content- oder Social-Media-Manager bewerben, obwohl eine Fach- oder Führungsposition in diesem Bereich angemessener und eine Bewerbung darum daher erfolgversprechender wäre. Jedes Vorstellungsgespräch macht einen ein wenig klüger.


Klarheit über eigene Ziele und Prioritäten
Auch die eigenen Ziele und Prioritäten klären sich in einer Abfolge von Bewerbungen. Man spürt mit der Zeit selbst, auf welche Konstellationen (z. B. Teamstrukturen) und Aufgaben man widerwillig reagiert, welche Versprechen man inzwischen zu häufig gehört hat, bei welchen Bemerkungen und Fragen man hellhörig wird. Mehr noch: Man nimmt diese Hinweise nun ernst, während man sie ohne ausreichende Routine entweder gar nicht erst wahrnimmt oder ignoriert und sich auf faule Kompromisse einlässt. Umgekehrt spürt man als routinierter Bewerber schnell, wenn es fachlich und menschlich passt.


Bewerbungen sollten daher weniger eine Aktivität für den Fall sein, dass man sofort eine neue Stelle braucht oder sich zeitnah verbessern will. Sondern eher ein fortlaufender professioneller und persönlicher Austausch innerhalb der Branche mit einer Zusage, wenn es für beide Seiten passt. Wer tatsächlich dringend eine neue Stelle braucht, sollte sechs bis zehn Bewerbungen pro Monat anpeilen, Führungskräfte die Hälfte davon. Wer sich dagegen mittelfristig verändern und dabei wirklich verbessern will, hat mit ein bis zwei Bewerbungen pro Monat ein angemessenes und auch im Alltag machbares Maß.

 

Zur vergangenen Kolumne: Selbstführung

 

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA.

www.media-dynamics.org 

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