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Wenn man sich selbst aus dem Blick verliert

Wenn man sich selbst aus dem Blick verliert Attila Albert

Zu oft den Umständen angepasst, Erwartungen erfüllt und funktioniert – bis man merkt, dass das eigene Ich auf der Strecke geblieben ist. Wie man wieder klarer erkennt, wer man sein will, und Schritt für Schritt zu sich selbst zurückfindet, beschreibt Coach Attila Albert.

Berlin – Wer morgens in den Spiegel blickt, denkt sich meist nicht viel dabei. An manchen Tagen merkt man aber doch auf: „Du siehst gut aus, mal richtig ausgeschlafen und frisch“, geht es einem dann vielleicht durch den Kopf. An anderen dagegen: „Ich glaube, du brauchst mal wieder echte Ferien. Wirkst ein bisschen geschafft, und die ersten grauen Haare werden auch mehr. Willst du dich nicht mal darum kümmern?“ Dann wieder: „Du hast heute eine richtig gute Ausstrahlung. Es hat also doch gut getan, wieder mehr Sport zu machen und Freunde zu treffen, anstatt nur abends immer ewig mit dem Handy herumzuspielen.“


Dieser fortlaufende Abgleich zwischen dem eigenen Selbstbild und dem, was man mit einer gewissen Distanz vor sich im Spiegel sieht, ist normal und wichtig. Er korrigiert behutsam die eigene Wahrnehmung – man ist gezwungen, den Realitäten ins Auge zu blicken – und zeigt gleichzeitig Verbesserungspotenzial auf. Denn natürlich ist man Veränderungen nicht nur ausgeliefert, sondern kann sie für sich gestalten. Manches sacht ändern, anderes zukünftig ganz anders angehen. Das gilt auch im beruflichen Kontext: Gelegentlich sollte man sich fragen, ob man noch derjenige ist, der man einmal war und sein wollte.


Die Umstände und andere Menschen erfordern immer eine gewisse Anpassung. Aber über die Jahre kann es leicht passieren, dass man sich sozusagen selbst vergisst. Manchmal fällt es einem erst nach einer schwierigen Phase oder Krise im Berufs- oder Privatleben auf: „So wollte ich eigentlich nie werden.“ Beispiel: „Ich bin ganz verbissen geworden und reagiere inzwischen oft aggressiv. Früher war ich lockerer und habe viel mehr gelacht.“ Unbewusst suchen viele nach dieser Klarheit und hoffen auf Erkenntnis durch Abstand vom Alltag (z. B. Urlaub, Elternzeit, Sabbatical). Aber sie lässt sich mit einem gezielten Vorgehen auch finden, ohne dass es teure, selten mögliche Reisen bräuchte.


Überlegen, was inzwischen nicht mehr passt
Beginnen könnte man mit der Überlegung, warum man sich überhaupt diese Gedanken macht. Was passt nicht mehr? Beispiel: „Ich habe inzwischen ständig Streit, das merke ich selbst. Meine Chefin nervt mich, meine Kollegen auch, und ich wurde schon mehrmals von Freunden darauf angesprochen, dass meine Kommentare ‚immer negativ‘ sind. Das sehe ich zwar anders, aber ich höre es immer wieder.“ Die Rückmeldungen von anderen geben wertvolle Hinweise, man bekommt das eigene Auftreten und Verhalten „gespiegelt“. Tipp: Selbstvorwürfe oder sofortige Rechtfertigungen vermeiden. Man kann auch unangenehme Rückmeldungen nur mit „Danke dir, ich werde darüber nachdenken“ entgegennehmen.


Präzisieren, was genau sich verändert hat
Der nächste Schritt ist, die Veränderungen zu präzisieren und erste Erklärungsansätze zu suchen. So lässt sich die Unzufriedenheit eingrenzen, und es ist leichter, Konsequenzen abzuleiten. Beispiel: „Ich habe in den vergangenen Jahren ziemlich zugenommen und bin immer wieder mit dem Plan gescheitert, weniger zu naschen. Wenn ich darüber nachdenke, liegt es daran, dass mir mein Job eigentlich keine Freude mehr macht und ich mich deshalb mit Süßem tröste und selbst belohne. Eigentlich brauche ich daher vor allem mehr Spaß im Beruf, dann klappt es sicher auch mit dem Abnehmen.“ Tipp: Mit professioneller Hilfe (z. B. Mentor, Coach, Therapeut) lässt sich diese Reflexion vereinfachen und beschleunigen.


Sich daran erinnern, als es noch anders war
Ein Blick zurück hilft, sich wieder an die Zeit zu erinnern, als die Dinge noch anders liefen, als man noch selbst anders war. Zum Beispiel: „Früher bin ich immer total gern in die Redaktion gekommen, habe mich auf die Menschen und ihre Geschichten gefreut, war für Reportagen und Interviews unterwegs. Heute sitze ich nur noch am Computer und schreibe Agenturmeldungen um. Ich glaube, ich muss wieder mehr raus.“ Dabei geht es nicht um Nostalgie – die Vergangenheit ist vorbei –, aber man kann Aspekte davon wiederbeleben und neu ausgestalten. Tipp: Sich einmal selbst eine ideale Stellenanzeige entwerfen. Das klärt die persönlichen Werte und beruflichen Prioritäten, man sucht danach gezielter.


Beginnen, sich ein neues Ich zu entwerfen
Vielen Menschen fällt solch ein Neuanfang leichter, wenn sie sich vorstellen, wie sie in naher Zukunft sein wollen. Sie entwerfen gedanklich eine Idealversion ihres zukünftigen Ich – so konkret wie möglich. Beispiel: „Ich will mehr in der Natur und in der Nähe meiner Eltern sein. Ich sehe mich daher ‚remote‘ arbeiten, von einem Häuschen auf dem Land aus, Blick ins Grüne. In die Stadt fahre ich dann nur noch, wenn Termine anstehen.“ Solch eine Vision zeigt sehr praktisch, wo man ansetzen müsste, um sich in diese Richtung zu entwickeln, und motiviert. Tipp: Oft beginnt dieser Wandel mit dem Äußeren (Frisur, Kleidung), vor allem, wenn man hier seit Jahrzehnten nichts mehr geändert hat – gilt auch für Männer.


Sich auf die eigenen Ziele konzentrieren
Wer wieder mehr an sich denkt, wird damit nicht nur auf Begeisterung stoßen. Für manche wird man damit unbequem oder zum stillen Vorwurf, doch auch nicht mehr alles mitzumachen. Anderen wird man fremd: „Ich erkenne dich gar nicht wieder!“ Hier ist es wichtig, sich auf den eigenen neuen Weg zu konzentrieren, auch wenn man die ersten Schritte allein gehen muss. Aber man wird unterwegs neue Begleiter und Unterstützer finden, die dann auch besser zu einem passen. Tipp: Kritikern nicht ständig widersprechen oder sie überzeugen wollen, sondern sie mit Empathie betrachten. Oft sind sie von Angst (z. B. vor Fehlern) getrieben und selbst nicht glücklich. Dieser Ansatz spart Zeit und Kraft.

 

Zur vergangenen Kolumne: Wenn jede Bewerbung scheitert

 

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA.

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