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Pressegeschichte persönlich: Hermann Ullsteins Erinnerungen im Exil

Ein Presse-Imperium schreibt Verlagsgeschichte: Hermann Ullstein war der jüngste der legendären fünf Ullstein-Brüder. Jetzt liegen erstmals in Deutschland seine 1943 im New Yorker Exil erschienenen Erinnerungen vor. Wilfried Mommert hat das Buch gelesen.

Berlin (dpa) - Wer sich für Pressegeschichte im allgemeinen und die Geschichte der Zeitungsstadt Berlin im besonderen interessiert, kann jetzt zu einem bemerkenswerten Fundstück greifen. Hermann Ullsteins persönliche, 1943 im amerikanischen Exil und jetzt erstmals in Deutschland erschienene Erinnerungen an "Das Haus Ullstein" (Ullstein Verlag, Berlin). Der englischsprachige Originaltitel ist, wenn auch etwas pathetisch, präziser: "The Rise and the Fall of the House of Ullstein" (Aufstieg und Fall des Hauses Ullstein), "The Story of a great German Publishing House - Before Hitler and After".

Erste Auszüge in Deutsch hatte bereits das Magazin "Der Spiegel" 1952 anlässlich der Rückübertragung des Verlages an die Familie Ullstein zitiert. "Ohne Anspruch und Absicht auf journalistische oder schriftstellerische Perfektion", schrieb der "Spiegel" damals, seien die Aufzeichnungen Hermann Ullsteins "interessant für alle, die Zeitungsgeschichte interessiert, ob sie vom Fach sind oder nicht".

Für die heutige Geschäftsführerin der Ullsteinbuchverlage, Siv Bublitz, ist es die ausführlichste Dokumentation zu den Gründerjahren des Verlages, wie sie bei der Buchvorstellung im historischen Ullsteinhaus in Berlin-Tempelhof, dem in den 20er Jahren gebauten modernen Druckzentrum des Verlags, sagte.

Und für den Berliner Historiker Martin Münzel gehört das Buch zu den "mehr als raren Erinnerungen, die von einstmaligen deutschen Unternehmern in der Emigration der 30er und 40er Jahre verfasst wurden", auch wenn es Irrtümer und Fehleinschätzungen einschließe, wie er im Nachwort betont.

Die Lücke, die das Fehlen einer umfassenden Familienbiografie der Ullsteins darstelle, fülle es allerdings nur zum Teil.

Neben den ausführlichen Innenansichten eines seinerzeit fast beispiellosen Presseimperiums seit Ende des 19. Jahrhunderts, was auch familiäre Seitenblicke einschließt, sind es vor allem die fesselnden Schilderungen Ullsteins der politischen Katastrophe mit dem Machtantritt Hitlers und den Folgen für den traditionsreichen Verlag. Hier spricht ein Betroffener, der auch die menschlichen Aspekte der dramatischen politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen nicht außer acht lässt.

Das schließt übrigens Selbstkritik mit ein. Für Ullstein hat die Presse in der Weimarer Republik kläglich versagt, die Blätter seines Verlages nicht ausgenommen: "Die Presse hat versagt. Der Autor selbst schließt sich hier mit ein und nimmt seinen Teil der Schuld auf sich." Die Furcht vor Hitler habe zwar viele Verleger tief in den Knochen gesessen. "Aber die Sorge, ihre Leser zu verlieren, war größer. Ein Verleger aus Hannover rechnete uns vor, daß mehr als die Hälfte seiner Leser bereits vom Hitlerismus infiziert seien."

Die damaligen Zeitungsmacher seien der irrigen Annahme erlegen, sie könnten "eine gewisse Unabhängigkeit wahren, wenn wir nur unpolitisch bleiben". So hätten auch die Ullstein-Blätter nicht genügend für den jungen demokratischen Staat geworben, meinte Hermann Ullstein, der der hochtalentierte Werbefachmann und wohl auch Künstler unter den Ullstein-Brüdern war, die schließlich auch in einen mehrjährigen hässlichen Familienstreit untereinander gerieten, getreu dem Bonmot von Karl Kraus "Das Wort Familienbande hat einen Beigeschmack von Wahrheit".

Im Rückblick sei es fast unverständlich, "wie das Haus Ullstein trotz brillanter Analysen und Leitartikel der am besten informierten Journalisten Deutschlands beinahe ahnungslos der deutschen Katastrophe des Jahres 1933 entgegentaumelte", staunte der spätere Ullstein-Verleger Axel Springer 1977 zum 100-jährigen Bestehen des Verlags.

Die in diesem Verlag 1898 gegründete "Berliner Morgenpost" (damit die einzige in Berlin erscheinende Tageszeitung noch aus dem 19. Jahrhundert) meinte jetzt zu Hermann Ullsteins Buch, seine wertvollen Memoiren könnten "zum Ausgangspunkt für eine längst überfällige moderne Darstellung der deutschen Presse im 19. und 20. Jahrhundert werden". Das Buch soll denn auch von Sten Nadolny verfilmt werden.

Hermann Ullstein starb nur wenige Monate nach Vollendung seiner Memoiren am 22. November 1943 im Alter von 68 Jahren in New York, nach den Erinnerungen des langjährigen Leiters des Ullstein-Buchverlags Emil Herz mittellos, vergrämt und verbittert.

Wilfried Mommert

Newsroom.de-Buchtipp: Hermann Ullstein: Das Haus Ullstein. Ullstein Verlag, Berlin, 304 Seiten, 22,99 Euro, ISBN 978-3-550-08046-3