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Souveräne Talkshow-Premiere von Anne Will im Ersten Programm

Rund drei Monate nach dem Abschied von Sabine Christiansen prägte die 41-Jährige mit hartnäckigen und teils frechen Fragen einen eigenen Stil.

Berlin (dpa). Anne Will hat ihre mit Spannung erwartete Premiere als Moderatorin der wichtigsten politischen Talkshow im Ersten Programm souverän gemeistert. Rund drei Monate nach dem Abschied von Sabine Christiansen prägte die 41-Jährige mit hartnäckigen und teils frechen Fragen einen eigenen Stil. Wie von ihr vorhergesagt, wurde dabei das Fernsehen aber nicht neu erfunden.

Das Thema ihrer ersten Sendung lautete «Rendite statt Respekt: Wenn Arbeit ihren Wert verliert.» Auf den roten Stühlen im Studio in Berlin-Adlershof hatten prominente Gäste mit einiger Talkshow- Erfahrung Platz genommen: SPD-Chef Kurt Beck, Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) aus Nordrhein-Westfalen, der Telekom- Vorstandsvorsitzender René Obermann und die Hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann. Ein Gewerkschaftsvertreter war bei der Diskussion über den Wert der Arbeit nicht dabei.

Die Erwartungen waren hochgesteckt - und Anne Will hatte sich selbst viel vorgenommen, zum Beispiel die Politik mit der Realität zu konfrontieren. Damit begann sie konsequent: Gleich am Anfang ging sie zu einem cremefarbenen Sofa, auf dem eine ehemalige Bauingenieurin und jetzige Call-Center-Mitarbeiterin saß. Kerstin Weser fährt täglich 130 Kilometer zur Arbeit und verdient nur fünf Euro pro Stunde: «Warum tun sie sich das an?», fragte Anne Will.

Bald war die Talkrunde beim Thema Mindestlohn angelangt, als Will einhakte: «Herr Beck, brauchen die Menschen den Mindestlohn, oder braucht die SPD ein Thema?» Dreimal hintereinander musste der SPD- Vorsitzende die Frage über sich ergehen lassen, ob seine Partei noch zu Hartz IV stehe. Als Telekomchef Obermann, unter dessen Regie rund 50 000 Beschäftigte der Festnetzsparte in eine neue Konzern-Tochter ausgelagert wurden, über die Verpflichtungen des Kapitals sprach, sagte Will trocken: «Den Eindruck haben viele gar nicht.» Beck war angriffslustig aufgelegt und nach einem Schlagabtausch mit Rüttgers erntete Will Lacher mit ihrer Überleitung: «Frau Käßmann, weil die Stimmung schon am Boden ist...» Am Schluss blieb dennoch vieles vage.

Auch wenn die Auswahl des Themas und der Gäste nicht so spektakulär ausfiel, wie von manchen erwartet, kam Anne Will ihrem Motto «politisch denken, persönlich fragen» nahe. Beim Studiopublikum kam die frische und teils witzige Art von Anne Will gut an. In ihrem grauen Anzug und brauner Bluse passte sie gut in das mit Natur- und Erdtönen gestaltete Studio, in dem die Farben orange, beige und braun dominierten. Mit im Studio waren auch die Eltern Marlies und Reiner Will.

Nach der Sendung waren die ARD-Verantwortlichen sehr zufrieden. Programmdirektor Günter Struve sprach von «60 Minuten Freude», Chefredakteur Thomas Baumann lobte aus München: «Anne Will hat die Diskussion an der richtigen Stelle laufen lassen und dann journalistisch genau und zielsicher nachgehakt.» Bei einem kleinen Empfang überreichte NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz ihr einen Strauß mit sieben Sonnenblumen. Obwohl einige Versprecher in der Sendung von innerer Anspannung zu zeugen schienen, betonte Will: «Ich war nicht nervös.»

ZDF-Talkerin Maybrit Illner, die die Premiere ihrer ARD-Kollegin am Fernseher verfolgte, sprach von einer handwerklich sauberen Leistung und meinte zur Themenwahl: «Es ist wenig passiert in der letzten Woche, daher hat sie den Abend genutzt, um einen Dauerbrenner zu diskutieren.» Illner wird am kommenden Donnerstag den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Josef Ackermann, zu Gast haben zum Thema «Kapital ohne Gewissen - wie sicher ist unser Geld?»