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Antonia Weber: „Man muss sich trauen, Geschichten zu erzählen, die nicht jeder hören will“

Antonia Weber: „Man muss sich trauen, Geschichten zu erzählen, die nicht jeder hören will“ Antonia Weber (Foto: Funke)

Weber ist 25 und Journalistin aus Leidenschaft. Im Interview verrät sie, wie sie die politische Entwicklung in Sachsen-Anhalt sieht und was für sie die Kraft des Journalismus ausmacht.

Berlin – Seit September 2025 absolviert Antonia Weber ein Volontariat bei der „Berliner Morgenpost“. Gerade gewährte Weber ihren Leserinnen und Lesern Einblicke in die Veränderungen in ihrer Heimat Sachsen-Anhalt. Dort wird am 6. September ein neuer Landtag gewählt, die AfD liegt in Umfragen aktuell deutlich vorne, steht aber unter anderem wegen der Vetternwirtschafts-Vorwürfe massiv unter Druck, Ministerpräsident Sven Schulze spricht sogar von der AFD von einem „Selbstbedienungsladen“: „Man kann sogar von einem Familienclan sprechen, wo es ausschließlich darum geht, sich selbst zu bereichern“, sagte Schulze gerade im Deutschlandradio.

 

Weber selbst stammt aus Blankenburg, einer Kleinstadt im Harz in Sachsen-Anhalt. Sie hat Kulturwissenschaften und Datenjournalismus in Leipzig studiert, machte währenddessen Stationen bei der „Leipziger Zeitung“ und dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. 

 

In ihren Artikeln (1 und 2) schreibt sie über den Rechtsruck in ihrer Heimat und die Folgen. Ein Gespräch über ihre Recherchen, Zielgruppen und die Bedeutung von Journalismus in der heutigen Zeit.

 

Antonia, du schreibst aktuell immer wieder über die Veränderungen in deinem Heimatbundesland Sachsen-Anhalt. Wie leicht oder wie schwer ist es dir gefallen, solch persönliche Einblicke zu geben?

Antonia Weber: Tatsächlich ist es mir ziemlich leichtgefallen. Das sind ja Sachen, die mich schon lange und immer wieder beschäftigen – und über die ich schon gern eher geschrieben hätte. Aber wenn du als Journalistin in einem Medium vor Ort bist, kennt man sich. Da „versaut“ man es sich mit Kontakten vor Ort oder muss sogar mit Anfeindungen rechnen, wenn man solche Artikel veröffentlicht.

 

Wie waren die Reaktionen in deinem Umfeld?

Überwiegend positiv. Viele Bekannte, Freunde und Familie haben geschrieben, dass sie sich gesehen fühlen von diesen Artikeln. Dass sie auch Hoffnung daraus gezogen haben, weil man sich mit seinem demokratischen Gedankengut zunehmend allein fühlt. Aber das ist man nicht!

 

Hattest du schonmal mit Anfeindungen zu tun? Und wie gehst du damit um?

Anfeindungen nicht wirklich. Natürlich gibt es auch Leserinnen und Leser, die kein Verständnis für meine Themenwahl oder meine Sichtweise haben. Die sagen, ich würde meine Heimat, den Harz, nur schlechtreden. Das stimmt nicht. Ich liebe meine Heimat, deshalb will ich reale Probleme aufzeigen – als Grundlage für eine gemeinsame Lösungsfindung. Das antworte ich dann – und die Reaktionen danach sind ausnahmslos positiv. Man kann miteinander reden. 

 

Was macht für dich eine gute Geschichte aus, die Leserinnen und Leser begeistert?

Man muss sich trauen, Geschichten zu erzählen, die nicht jeder hören will. Dadurch kommt man ins Gespräch – mit Leuten, die sich endlich dadurch verstanden fühlen. Aber auch mit Leuten, die verärgert sind und darüber streiten wollen. 

 

Gibt es eine Geschichte, die dir besonders naheging?

Ich habe vor einigen Jahren über den demokratischen Verein NDK in Wurzen (Sachsen) geschrieben. Es gibt in Wurzen, wie in vielen ländlichen Regionen in Sachsen, kaum Angebote für Kinder und Jugendliche.Deshalb wenden sich viele junge Menschen dort rechtsextremen Netzen zu, um sich zugehörig zu fühlen. Der NDK wollte einen Gegenentwurf schaffen und wurde dafür extrem angefeindet – bis hin zu schweren Körperverletzungen gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Am meisten Sorge hatte der Leiter aber vor der politischen Kehrtwende im Land. Der NDK finanzierte sich durch kommunale Mittel. Letztes Jahr musste ich dann erfahren, dass der Wurzener Stadtrat, genauer AfD und CDU gemeinsam, dem NDK die Mittel gestrichenhaben. Ein Beispiel für den demokratischen Verfall auf dem Land, der mir einen Schauer über den Rücken laufen lässt. 

 

Was ist das Besondere daran, für die Berliner Morgenpost zu arbeiten? Gibt es eine besondere Beziehung zur Zielgruppe?

Berlin has my heart. Ich habe Familie und Freunde in Berlin, habe hier schon mehrere Praktika absolviert. Ich fühle mich hier wohl und journalistisch gesehen gibt es wohl keinen interessanteren Ort. In einer so großen Redaktion wie der Berliner Morgenpost zu arbeiten, ist aber neu für mich. Und ich bin sehr dankbar dafür – junge, engagierte Kolleginnen und Kollegen treffen auf die älteren, erfahrenen Hasen. Ich kann von jedem etwas lernen und die Stadt durch verschiedene Augen sehen. 

 

Was motiviert dich jeden Tag aufs Neue, eine kreative und spannende Arbeit zu leisten?

Journalismus schafft Öffentlichkeit. Und Öffentlichkeit ist der Platz, an dem Menschen zusammenkommen, eine gemeinsame Realität erschaffen und an einer Zukunft arbeiten. Diese Arbeit hat meiner Meinung nach einen unermesslichen gesellschaftlichen Mehrwert. Aber ich liebe die Arbeit auch ganz persönlich. Sie ist so abwechslungsreich. Vom Schreibtisch in die Welt und wieder zurück. Von der Bäckerei über die Kunstausstellung bis zur Bahnhofsmission. Als Journalistin lebt man gefühlt mehrere Leben – und das liebe ich sehr.

 

Was macht für dich die Kraft des Journalismus aus?

Journalismus ist von Menschen für Menschen. Natürlich können Social Media und KI eine gewisse Gefahr bergen – aber sie können genauso nützlich sein für den Journalismus. Als Werkzeug, nicht als Ersatz. Eine gute Reportage, durch die sich Menschen gesehen fühlen. Das kann keine KI. Sie kann nicht rausgehen, Augen und Ohren für interessante, neue Geschichten offenhalten, empathisch sein. 

 

Das Interview mit Antonia Weber erschien zuerst in „Funke finest“. Das wöchentliche, digitale Magazin mit den besten Funke-Beiträgen liegt als E-Paper-Extra den Regionalmedien der Funke Mediengruppe bei.



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