Vermischtes
KNA – Steffen Grimberg

Countdown für die Zeitung – Verlage setzen auf Digital

Countdown für die Zeitung – Verlage setzen auf Digital

Laut BDZV-Trendumfrage rechnet eine Mehrheit der deutschen Zeitungsverlage mit dem Ende der gedruckten Zeitung binnen 15 Jahren. Gleichzeitig erwartet die Branche weiteres Wachstum im Digitalgeschäft – auch durch Einsparungen mithilfe von KI.

Berlin (KNA) – Deutschlands Zeitungsverlage blicken das zweite Jahr in Folge optimistisch in die Zukunft. Das könnte allerdings auch daran liegen, dass die „Trendumfrage 2026“ des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverlage (BDZV), die am Mittwoch in Berlin präsentiert wurde, in ihrer jüngsten Studie nur die Verlagsgeschäftsführungen und nicht mehr wie im Vorjahr auch die Chefredaktionen befragt hat.


Zwei Drittel der befragten Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer sahen zum Jahreswechsel 2025/26 die Branchenentwicklung positiv. Und immerhin 56 Prozent der Verlage fühlen sich mittlerweile gut auf die digitale Transformation vorbereitet.


Spannender ist dabei, was die Verlage in Sachen Print sagen: Die Mehrheit der deutschen Zeitungsverlage rechnet damit, dass innerhalb der nächsten 15 Jahre das Ende der gedruckten Zeitung bevorsteht. In der „Trendumfrage 2026“ bejahten jedenfalls 60 Prozent der befragten Unternehmen eine entsprechende Prognose.


Print-Ausstieg als „soft landing“
Der Print-Ausstieg soll aber kein harter Cut, sondern vielmehr ein „soft landing“, also eine weiche Landung, werden, analysiert die Beratungsfirma Highberg, die die Trendumfrage schon zum zwölften Mal im Auftrag des BDZV durchgeführt hat. Denn noch könne sich kaum ein Verlag den unmittelbaren Ausstieg leisten. Aktuell sei Print weiter wichtig und sichere durch die hier erzielten Einnahmen bei den meisten Verlagshäusern das „Fundament“ für den digitalen Umbau des Geschäfts, sagte Highberg-Partner Christoph Mayer bei der Vorstellung der Studie.


Dabei sei auch klar, dass die Kosten für Herstellung und Vertrieb der gedruckten Zeitung in den nächsten Jahren weiter steigen werden, so Mayer. Daher rechnet die Branche mit weiteren Zusammenschlüssen von Unternehmen und dem Aufgehen bislang unabhängiger Verlage und Titel in den großen Zeitungsgruppen. „Der Konsolidierungsdruck nimmt zu. Es gibt eine Bewegung in Richtung weniger, aber dafür großer Gruppen“, heißt es in der Studie. Parallel dazu sicherten sich kleinere und mittlere Häuser ihre Eigenständigkeit durch verstärkte Kooperationen untereinander, ohne gleich zu fusionieren. Mayer sagte, er gehe davon aus, dass sich in Zukunft „noch mehr Verlage zusammenschließen oder mindestens kooperieren“.


Was das für die publizistische Vielfalt bedeutet, wurde am Mittwoch in Berlin allerdings nicht näher beleuchtet. Immerhin einen positiven Trend vermochte Mayer dem Ganzen aber abzugewinnen: „Wir haben einen positiven Blick darauf“, sagte der Highberg-Mann mit Blick auf die jüngsten Zukäufe, bei denen vor allem die Mediengruppe Madsack aus Hannover, die Neue Pressegesellschaft Ulm und weitere wohlbekannte Branchengrößen zuschlugen. „Hier hat anders als in den USA kein Finanzinvestor gekauft, sondern die Branche selber. Das zeigt: Die Unternehmen glauben an das Geschäftsmodell“, meinte Mayer.


Trend zum E-Paper hält an
Und zwar derart, dass in diesem Jahr sogar zwei Drittel der befragten Unternehmen mit einem zweistelligen Wachstum im Digitalbereich rechnen. Einzelne Verlage könnten mit ihrem Digitalgeschäft bereits heute ihre gesamten redaktionellen Kosten decken, so die Studie. Wie schon im vergangenen Jahr setzte sich dabei der Trend zum E-Paper fort.


Das sei schließlich deutlich mehr als nur das PDF-Überbleibsel der gedruckten Zeitung, sagte bei der Trendumfrage-Präsentation Stefanie von Unruh. Die Geschäftsführerin der Nordwest Mediengruppe aus Oldenburg („Nordwest Zeitung“, „Emder Zeitung“, „Anzeiger für Harlingerland“) ist mit ihrem Haus seit Anfang 2026 ebenfalls Teil des Madsack-Konzerns. „Ich stresse hier immer den Begriff des Magic Market Place“, so Unruh, da „ich neben dem E-Paper ja auch Beilagen und meine Podcasts präsentieren kann“. Bei der „NWZ“ habe man nur zu fünf Prozent der Abonnenten keinerlei digitalen Kontakt, so von Unruh.
Nun müssten die Verlage die digitale Transformation aber auch durch „gute Kommunikations- und Beratungsangebote“ unterstützen. „Das schließt auch Investitionen in die Präsenz vor Ort ein“, sagte die Verlagsmanagerin und schlug vor, „Verlags-Geschäftsstellen in Beratungsstellen umzuwandeln“.


Druckausgaben kommen später bei Lesern an
Zu den Zukunftsszenarien, die vermittelt sein wollen, gehören neben digitalen Neuerungen nämlich auch Veränderungen bei den gedruckten Ausgaben. Weil sich der haptische Vertrieb immer schwieriger gestaltet und durch die Konsolidierung, besser gesagt: Ausdünnung, bei den Druckereien die Wege zu den Leserinnen und Lesern immer länger werden, wird vor allem in ländlichen Regionen die Frühzustellung der gedruckten Zeitung noch vor dem Frühstück spürbar seltener.


Die NWZ kommuniziere aktuell ein „Zustellende“ um 13 Uhr, sagte von Unruh. Ein Trend zur Wiederbelebung der Mittagszeitung sei das aber nicht, zumal E-Paper und Online-Angebot die Leser ja aktueller denn je versorgten.


Mit Blick auf die Zahlbereitschaft im reinen Online-Bereich ergibt sich laut Highberg allerdings ein höchst unterschiedliches Bild. „Beim Paid Content verzeichnen einige Verlage eine regelrechte Stagnation“, sagt Mayer; die Reichweiten lägen bei manchen Unternehmen „weit unter dem, was früher Print hatte“. Insgesamt gebe es eine „riesige Spreizung zwischen den Häusern“; zum Teil hätten kleinere Anbieter die Nase vorn, weil es ihnen gelungen sei, ihr Produkt besser auf den Markt auszurichten. „Einige Verlage haben hier viele Hausaufgaben gemacht, das zahlt sich jetzt aus“, meinte Mayer.


Und dann ist da noch die KI, die laut Trendumfrage ein immens wichtiger „Effizienzhebel“ ist. Mehr als zwei Drittel der Verlage rechnen durch KI-Einsatz mit Einsparungen von rund zehn Prozent der Kosten in den Bereichen Redaktion, Lesermarkt, Werbemarkt und Verwaltung.


Problematisch ist dabei aber laut Studie die Abhängigkeit von den großen Internetplattformen und den KI-Anwendungen externer Anbieter. Rund 45 Prozent der Befragten gaben demnach an, stark oder existenziell von dem mithilfe von Big Tech generierten Traffic und den daraus resultierenden Erlösen abhängig zu sein.

 

 

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