Vermischtes
KNA – Thomas Schuler

Der „Spiegel“ und seine NS-Vergangenheit

Das Nachrichtenmagazin, das die BRD immer wieder nach ihrer NS-Vergangenheit fragt, war selbst stärker damit verbunden, als es lange wahrhaben wollte.

München (KNA) – Am Kiosk liegt seit einiger Zeit das neue „Spiegel-Geschichte“-Sonderheft „Hitler und wir“. Es geht um NSDAP-Karteikarten, Familiengeheimnisse und die Suche nach der Vergangenheit der eigenen Eltern und Großeltern. Mit der Geschichte des „Spiegel“ selbst hat dieses Sonderheft auf den ersten Blick nichts zu tun.


Die zeitliche Nähe ist dennoch bemerkenswert: In Heft 39/2026 veröffentlichte das Magazin fast zeitgleich neue Erkenntnisse über die NS-Vergangenheit seiner eigenen Gründergeneration. Martin Doerry und Hauke Janssen, ehemalige Mitarbeiter des „Spiegel“ in Chefredaktion und Dokumentation, berichten im Heft und in ihrer neuen Augstein-Biografie, „Augstein – Ein deutsches Leben“ (Beck Verlag), über deutlich mehr ehemalige Nationalsozialisten und SS-Leute in der frühen Redaktion als bisher bekannt.

 

Der „Spiegel“ verlinkte online dazu ihre NSDAP-Karteikarten. Damit richtet sich der Blick, den das Magazin jahrzehntelang auf andere geworfen hat, nun auch auf das eigene Haus.

 

NS-Aufklärung als Selbstverständnis

Das ist aus mehreren Gründen wichtig: Zwei der drei Gründer des „Spiegel“, die die Grundlagen für Augsteins Erfolg legten, waren jüdische Überlebende des Holocaust, deren Familien zum Teil ermordet wurden. Zudem: Die Aufklärung über NS-Belastungen gehörte zum publizistischen Selbstverständnis des „Spiegel“.

 

Der Medienhistoriker Lutz Hachmeister schrieb schon 2002, der „Spiegel-Nimbus“ habe neben Augsteins Kommentaren und der Aufdeckung politischer Skandale wesentlich auf Recherchen über Personen wegen ihrer Aktivitäten in der NS-Zeit beruht. Als besonders spektakuläre Fälle nannte er den Fernsehjournalisten Werner Höfer und den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger.

Die Methode war prägend: Nicht nur fragen, was jemand heute sagt, sondern auch, was er früher getan hat. Welche NS-Organisationen unterstützte er? Welche Funktionen hatte er? Was steht in den Akten? Und stimmt die spätere Selbstdarstellung mit der historischen Biografie überein?

 

1996 berichtete nur die „taz“

Hachmeister hatte bereits zuvor genau diese Methode auf den „Spiegel“ selbst angewandt. Ende 1996 machte der 2024 verstorbene Medien- und NS-Experte („Der Gegnerforscher – Die Karriere des SS-Führers Franz Alfred Six“, „Schleyer – Eine deutsche Geschichte“, „Hitlers Interviews – Der Diktator und die Journalisten“) in der „taz“ öffentlich, dass Georg Wolff und Horst Mahnke, beide SS-Hauptsturmführer im Umfeld des Sicherheitsdienstes der SS, beim frühen „Spiegel“ wichtige Positionen übernommen hatten.

 

Mahnke wurde 1952 Ressortleiter „Internationales/Panorama“. Wolff leitete seit 1952 das Auslandsressort und wurde später stellvertretender Chefredakteur. Hachmeisters Recherche zeigte, wie tief insbesondere Mahnke in den Sicherheits- und Propagandaapparat des NS-Regimes eingebunden gewesen war: Er arbeitete bereits seit 1936 hauptamtlich für den SD und war später im Reichssicherheitshauptamt tätig.

 

Die Geschichte war deshalb mehr als eine Aufzählung ehemaliger Parteimitglieder. Es ging um Männer, die aus dem politischen, geheimdienstlichen und publizistischen Machtapparat des NS-Staates kamen und beim jungen „Spiegel“ wichtige Funktionen erhielten.

 

Der Fall Wehner

Hachmeister nannte darüber hinaus Wilfred von Oven, den früheren Chefadjutanten von Joseph Goebbels, Karl Friedrich Grosse, der im NS-Staat den Auslandspresseclub leitete, und Bernhard Wehner, einen früheren SS-Hauptsturmführer und Kriminalrat im Reichssicherheitshauptamt.

 

Der Fall Wehner ist aufschlussreich, denn er wurde selbst zum Autor über jene Institution, der er angehört hatte. Unter Arthur Nebe hatte er im Reichssicherheitshauptamt gearbeitet. 1949 wurde er von Augstein als Mitarbeiter gewonnen. Hachmeister schildert, dass Augstein ein von Wehner ausgearbeitetes Dossier über die Kriminalpolizei im „Dritten Reich“ erhalten hatte. Daraus entstand die erfolgreiche „Spiegel“-Serie „Das Spiel ist aus – Arthur Nebe“.

 

Das Bemerkenswerte: Wehner schrieb über die deutsche Kriminalpolizei im Nationalsozialismus – und entwickelte dabei ein Narrativ, das die Kriminalpolizei von der Gestapo abgrenzte. Die Kripobeamten seien im Kern „anständig und sauber“ beziehungsweise „unpolitisch“ gewesen; erst unter dem Druck von Männern wie Heydrich seien sie zu bestimmten Sondereinsätzen gezwungen worden.


Problematisches Narrativ

Das macht den Fall historisch interessant: Ein ehemaliger Angehöriger des NS-Sicherheitsapparats wurde nicht nur beim „Spiegel“ beschäftigt. Er konnte dort auch die Geschichte seines früheren Apparats erzählen – einschließlich seiner eigenen Beteiligung. Es war nicht die einzige problematische Geschichte von ehemaligen Nazi-Funktionären.

 

Die neue Recherche von Doerry und Janssen erweitert den Kreis der belasteten Mitarbeiter nun erheblich. Nach der vom Spiegel veröffentlichten Aufarbeitung geht es um mehr als zwei Dutzend Personen aus dem Umfeld von SS, Waffen-SS, NSDAP, NS-Presselenkung und Propagandakompanien.

Darunter befinden sich auch Menschen aus dem Macht- und Eigentumszentrum des Unternehmens: John Jahr, von 1951 bis 1960 Teilhaber; Richard Gruner, später ebenfalls Teilhaber; Claus Jacobi, von 1962 bis 1968 Chefredakteur; und Josef Augstein, Rudolf Augsteins Bruder und Rechtsanwalt des „Spiegel“. Die Summe der Fälle verändert das Bild der frühen Redaktion.

 

Neue Augstein-Biografie

Auch sonst hebt sich die neue Augstein-Biografie auf erfreuliche Art durch ihre unabhängige Aufklärungsarbeit ab. Doerry und Janssen haben erstmals die Korrespondenz und Dokumente aus dem Nachlass von Augstein ausgewertet, insgesamt 1850 Aktenordner. Der Journalist Peter Merseburger etwa erhielt für seine 2007 erschienene Biografie nur teilweise Zugang und durfte nur Dokumente auswerten, die dem Ruf und der Legende Augsteins nicht schadeten.

 

Der aufschlussreichste Fall ist vielleicht Hans Detlev Becker. Er war einer der engsten Mitarbeiter Rudolf Augsteins. Er war Redaktionsmanager, galt als „preußischer Zuchtmeister“ (Hachmeister) und war Augsteins rechte Hand. Von 1959 bis 1961 war er Chefredakteur und anschließend über Jahrzehnte Verlagsdirektor. Er gehörte damit zum innersten Machtzentrum des Unternehmens. Während der Spiegel-Affäre kam er wie Augstein in U-Haft.

 

Um Becker existiert seit Jahrzehnten eine besondere Erinnerungsgeschichte. Nach der Darstellung des langjährigen „Spiegel“-Redakteurs Leo Brawand waren britische Stellen nach dem Krieg auf Unterlagen gestoßen, die Becker mit der NSDAP beziehungsweise einer NSDAP-Anwartschaft in Verbindung brachten. Der britisch-jüdische Mitarbeiter Henry Ormond habe deshalb seine Entfernung aus der Redaktion verlangt. Becker blieb jedoch. Augstein wollte das so.

 

Drohender Lizenzentzug

Besonders pikant: Becker hob Artikel ins Blatt, die heftige Kritik auslösten, weil sie Juden erneut zu Opfern machten. Dem „Spiegel“ drohte deshalb sogar zeitweise der Entzug der von den Briten erteilten Lizenz. Augstein stellte das als Angriff auf die Pressefreiheit dar.

 

Becker selbst soll erklärt haben, er sei ohne sein Wissen Parteimitglied geworden. Diese Erklärung wurde zur prägenden Legende seiner NS-Vergangenheit, die später von Biografen unkritisch übernommen wurde – entgegen der historischen Forschung. Die neue Recherche von Doerry und Janssen räumt nun mit der Ausrede und Legende auf und geht einen entscheidenden Schritt weiter: Becker wird ausdrücklich als NSDAP-Mitglied geführt; der „Spiegel“ verlinkt die entsprechende Karteikarte.

 

Hierdurch erhält ein Interview mit Becker aus dem Jahr 2007 eine besondere Bedeutung. Damals befragte ihn „Spiegel“-Redakteur Klaus Wiegrefe in eigener Sache über den Umgang des frühen „Spiegel“ mit ehemaligen Nationalsozialisten. Becker erklärte, man habe seinerzeit formal zwischen „belastet“ und „nicht belastet“ unterschieden. Wer entnazifiziert und als „nicht betroffen“ oder „Mitläufer“ eingestuft worden sei, habe als nicht verdächtig gegolten.

 

Entnazifiziert war entnazifiziert

Die Haltung wurde in der Überschrift des Gesprächs zusammengefasst: „Entnazifiziert war entnazifiziert.“ Becker sagte damals zugleich, er sehe das heute anders. Wer sich vom Nationalsozialismus habe „einfangen lassen“ und „mitgemacht“ habe, müsse „nicht gerade hier beim ‚Spiegel‘ dabei“ sein. Doch seine eigene NSDAP-Mitgliedschaft erwähnte Becker in diesem Gespräch nicht.

 

Augstein wird so selbst Teil der Geschichte; ähnlich aufschlussreich ist sein Umgang mit Georg Wolff. Als Hachmeisters Recherche zu dessen SS-Vergangenheit erschien, wurde Augstein im Januar 1997 in den ARD-„Tagesthemen“ mit Wolffs Vergangenheit konfrontiert. Augstein sagte: „Der war nie Nationalsozialist.“

 

Wolff sei ein „großer Journalist“ gewesen. Seine Vergangenheit sei für die Einstellung nicht entscheidend gewesen, sondern vielmehr, ob er ihm „als Mensch und Journalist tüchtig genug“ erschienen sei. Dann sagte Augstein: „Ich hake diesen Fall auch ab.“

 

Wer durfte entscheiden?

Damit steht eine Frage im Raum, die über den Einzelfall hinausgeht: Nach welchen Maßstäben entschieden der „Spiegel“ beziehungsweise Augstein, wann die Vergangenheit eines Menschen journalistisch relevant war? Bei politischen Gegnern des Blattes konnte die NS-Vergangenheit zum Gegenstand großer Recherchen und Enthüllungsgeschichten werden. Bei den eigenen Mitarbeitern sah das anders aus.

 

Augsteins Tochter Franziska zitiert ihren Vater mit dem Satz: „Es hätte keinen Sinn gehabt, den ‚Spiegel‘ mit lauter Emigranten zu machen, die keine Ahnung davon gehabt hatten, was sich in den Vorjahren in Deutschland abgespielt hatte. Du brauchtest natürlich alte Nazis, und zwar eben solche, die Funktionen ausgefüllt hatten, so dass sie die Apparate, um die es ging, so gut kannten, dass sie in der Lage waren, darüber zu schreiben.“

 

Zudem habe man nicht jedem „hinterherschnüffeln“ können, um festzustellen, ob es sich um Kriegsverbrecher handelte. Er habe „diese Leute“ gefragt: „Haben Sie irgendetwas gemacht, haben Sie sich schuldig gemacht?“ Und wenn die gesagt haben: ‚Nein, habe ich nicht‘, dann hat man das hingenommen.“

 

Kein „braunes Blatt“, aber ...

Ist der frühe „Spiegel“ also ein „braunes“ Blatt gewesen? Schon Hachmeister warnte vor einer solchen Vereinfachung. Er schrieb ausdrücklich, es habe keine Direktive gegeben, die auf eine generelle „Entschuldung“ von NS-Tätern gezielt habe. Allerdings vermutete er Netzwerke ehemaliger Nazis hinter der „Spiegel“-Dialektik. Hachmeisters Recherchen kamen aber selbst Mitte der 1990er-Jahre noch zur Unzeit.

 

Der damalige Leiter des Grimme-Instituts hatte zunächst versucht, das Thema in der „Zeit“ oder der „Woche“ unterzubringen. Niemand wollte das heiße Eisen anpacken – bis auf die „taz“. Dabei soll Stefan Aust, von 1994 bis 2008 „Spiegel“-Chefredakteur, sogar versucht haben, Augstein davon zu überzeugen, die Recherche selbst im eigenen Blatt zu veröffentlichen. Augstein habe das aber nicht gewollt, berichtete Hachmeister später.

 

Nach noch einmal drei Jahrzehnten veröffentlicht der „Spiegel“ endlich selbst seine eigene, nochmals umfangreichere Aufarbeitung. Der Kreis von 1996 ist geschlossen. Anja zum Hingst, Leiterin der Unternehmenskommunikation, schreibt dem KNA-Mediendienst: „Wir sind dankbar für die Recherche, auch wenn die Ergebnisse nicht immer angenehm für uns sind.“ Und: „Der ‚Spiegel‘ ist der Wahrheit verpflichtet. Und dazu gehört auch die Wahrheit über die Vergangenheit des ‚Spiegel‘.“

 

 


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