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Newsroom – Marcus Schuster

Digitalberater Marcus Schwarze: Die KI-Skepsis in Redaktionen ist immer noch groß

Digitalberater Marcus Schwarze: Die KI-Skepsis in Redaktionen ist immer noch groß Marcus Schwarze (Foto: KI-generiert)

Viele Häuser tun sich schwer, die Technologie sinnvoll in den Arbeitsalltag zu integrieren. Dabei sitzen Redaktionen und Verlage bereits jetzt auf einem Schatz, meint der Berater im „kress pro“-Interview.

Berlin – Digitalberater Marcus Schwarze stößt bei manchen beim Thema KI nach Monaten des Ausprobierens auf Vorbehalte. Warum das falsch ist, erklärt er im „kress pro“-Interview mit Marcus Schuster.

 

Das erste echte KI-Jahr neigt sich dem Ende zu. Wo stehen wir?

Marcus Schwarze: Wir haben alle KI ausprobiert, waren fasziniert. Im Detail hat dann aber jeder Fehler entdeckt. Dadurch haben viele wieder das Interesse verloren. Ich habe gerade wieder einen Tag lang mit einer Lokalredaktion diskutiert, wie der Einsatz von KI funktionieren kann – und wie nicht. Da ist noch immer sehr viel Skepsis zu spüren. Sobald ich ein paar Sachen zeige, ändert sich das meistens.

 

Was zeigen Sie denn?

Ganz einfache Anwendungen. Zum Beispiel einen Newsletter, den ich für Behörden in Rheinland-Pfalz erstelle. Ich habe dafür über Wochen eigene Prompts entwickelt und immer weiter verfeinert. Das führt dazu, dass ich für einen Newsletter nur noch zwei statt wie früher dreieinhalb Stunden benötige. Oben kommt der Input rein – unten kommt ein Produkt mit drei Themen heraus, inklusive Betreffzeile, Anmoderation und Anbindung für die Social-Media-Kanäle. Ich gebe alles genau vor: Wer die Zielgruppe ist, welche Sprache verwendet werden soll, wie gegendert wird. Dadurch sind die Prompts mittlerweile sehr lang. Aber dieses Vorgehen bringt eine Zeitersparnis, die auch jeder Redaktion helfen würde.

 

Als Vorbereitung für dieses Interview sagte mir unser Chefredakteur, es solle nicht nur ums Prompten gehen. Wir möchten auch wissen, wie Medienhäuser nach dem Anfangshype KI im Alltagsgeschäft gewinnbringend nutzen können.

Gutes Prompten ist der Schlüssel. Neulich habe ich bei X einen Prompt gesehen, der ebenfalls sehr lang war und mit dem man die Seriosität von Texten untersuchen kann. Ein Prompt, durch den die KI zum Beispiel detailliert prüft, wie viele Zitate vorkommen oder wie viele Quellen genannt werden – also eigentlich das, was man als Journalist irgendwann einmal gelernt hat, für das im Berufsalltag aber kaum Zeit bleibt. Für einen CvD kurz vor Redaktionsschluss kann das sehr hilfreich sein. Ich bin sicher, dass so etwas über kurz oder lang von jedem CMS-Entwickler angeboten werden wird. Teilweise gibt es das schon heute. Die Newsletter-Software, mit der ich arbeite, hat in jedem redaktionellen Fenster, in das ich Text eintrage, einen KI-Button, mit dem diverse Prüfprozesse angestoßen werden können.

 

Damit kann man sich aber auch verzetteln.

Ich glaube, dass zur Qualitätssteigerung in Redaktionen eine Maschine als Sparringspartner schon bald üblich sein wird. Der kann man dann sagen: Stelle mir die fünf wichtigsten Fragen, die bei diesem Text noch offen sind. Darüber dürften sich nicht nur Einzelkämpfer im Sonntagsdienst freuen. Ich darf gerade die Wolf-Schneider-KI der Reporterfabrik testen – es ist wirklich frappierend, wie damit aus schlechten Texten zumindest mittelgute Texte werden. Natürlich spuckt auch diese KI keine Leseperle aus, wenn die Grundlagen fehlen. Aber jeder unerfahrene Praktikant kann mit ihrer Hilfe veröffentlichen und die Redaktion kann sich wieder anderen Themen und Aufgaben zuwenden. Ich bin sicher, dass diese KI schon bald zum Standardwerkzeug in Newsrooms wird.

 

Schön und gut, aber was bringt das am Ende des Tages? 

Im Idealfall neue Leserinnen und Leser. Weil mit KI ein viel breiteres Publikum abgeholt werden kann. Wenn man das weiterdenkt, könnte es bei den Angeboten von Zeitungen, Onlinediensten, TVund Radiosendern perspektivisch einen KI-Button für Leichte Sprache geben, so wie ihn Behörden heute schon haben, weil sie gesetzlich dazu verpflichtet sind. Für Leichte Sprache gibt es einen riesigen Bedarf.

 

Auch für einen „Süddeutsche“-Leitartikel über europäische Zinspolitik?

Warum nicht? Ich denke, das wird jede Redaktion betreffen. Oder nehmen Sie die vielen Menschen, die aus der Ukraine zu uns geflüchtet sind: Warum gibt es nicht längst bei allen Medien einen „Ukrainisch“-Button, der die wichtigsten Themen vollautomatisch mit DeepL übersetzt? Das ist eine Marktlücke, die jemand stopfen müsste, und dafür ist eine KI wunderbar geeignet. Vertonung wäre auch so ein Thema: Wir sind alle viel mit Auto, Bus oder Bahn unterwegs. Da habe ich mir immer gewünscht, neben den Podcasts vom „Spiegel“ auch die regionalen Themen meiner Zeitung vor Ort hören zu können. Bisher Fehlanzeige. Erst kürzlich habe ich entdeckt, dass die tatsächlich über Alexa zugänglich sind. So langsam tut sich etwas. Die FAZ bietet seit Kurzem einen KI-Button an, der längere Texte zusammenfasst. Als Leser habe ich es ausprobiert und kann nur sagen: Herzlichen Glückwunsch. Gut gemacht, liebe FAZ

 

Eigentlich könnten alle voneinander lernen. Stattdessen bleiben viele Häuser bei dem Thema offenbar lieber für sich und uninspiriert.

Das würde ich nicht sagen. Es gibt einfach viele Bereiche, in die noch niemand eingestiegen ist. Jede Redaktion, jeder Verlag sitzt auf einem Schatz namens Archiv. Wenn ich mir vorstelle, meine Redaktion hier vor Ort käme auf die Idee, eine Koblenz-KI zu machen … das wäre ein Traum. Eine KI, die ich fragen kann: „Wo gibt es am Wochenende interessante Veranstaltungen?“, ohne dass ich in einen Veranstaltungskalender schauen muss. Oder: „Was sind die zehn neuesten Baugebiete in der Gegend?“ Eine Redaktion weiß das ja, irgendwo haben sie alles abgelegt und dokumentiert. Daraus eröffnen sich schier unendliche Möglichkeiten: Wenn die KI zum Beispiel merkt, dass ich mich für Immobilien interessiere, könnte sie mir dazu einen personalisierten Newsletter schicken, ohne dass die Redaktion selbst darauf kommen muss.

 

Wie Redaktionen dabei vorgehen, wenn sie die KI mit eigenen Inhalten füttern, wie man das Personal einbindet und welche KI-Tools er empfiehlt: zum kompletten Interview


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