Vermischtes
KNA – Joachim Huber

re:publica: Publizistin Carolin Emcke beklagt „tote Winkel der Empathie“

Die Demokratie gerät unter Druck – und damit auch die Zivilgesellschaft. Wie man als politisch aktiver Mensch dabei nicht die Hoffnung verliert, diskutierte ein Panel bei der Digitalkonferenz.

Berlin (KNA) – „Menschen wissen nicht, wie gefährdet sie sind.“ Mit diesem Statement eröffnete die Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer am Montag bei der Digitalkonferenz re:publica das Panel „Never Gonna Give (You) Up: Warum wir immer weiter machen“. Moderiert von der Politikwissenschaftlerin Isabella Hermann wollten die vier Teilnehmerinnen sich über Hoffnung und Durchhaltevermögen in der Zivilgesellschaft austauschen – trotz der Krisen und des politischen Drucks.


Dafür erstellten sie zunächst ein aktuelles Lagebild von Gesellschaft, Politik und der Welt. Die Autorin und Publizistin Carolin Emcke konstatierte einen Angriff auf Normen, ein permanentes Herabsetzen von Freiheits- und Gleichheitsansprüchen. „Es gibt immer mehr tote Winkel der Empathie.“ Alice Hasters beklagte ein fortdauerndes System der Ausbeutung, das „die Idee einer hierarchisierten Gesellschaft“ unverändert lebe und wirke. Es gebe aber, sagte Hasters, keine Lösung ohne Umverteilung.

 

Schließlich warnte die Informatikerin Constanze Kurz vor neuen Formen der Massenüberwachung, wie sie sich im Sicherheitspaket von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) zeigten. Technologie werde zur Bedrohung, sagte die Sprecherin des Chaos Computer Clubs. Die Zivilgesellschaft müsse sich zusammentun, um gegen diese Entwicklungen Durchschlagskraft zu entwickeln.

 

Vertrauen statt Misstrauen

Alice Hasters sagte, sie habe immer wieder den Satz gehört: „Wir können uns die Wahrheit nicht mehr leisten.“ Das ginge gar nicht, damit würden Fakten wie Rassismus verschleiert. Laut Hasters muss es immer wieder Gesprächsangebote für die Suche nach Wahrheit und Wirklichkeit geben.

 

Für Carolin Emcke ist unabdingbar, dass das grassierende Misstrauen wieder vom Vertrauen abgelöst werde. „Wir brauchen dafür Räume, in denen bestimmter Bullshit benannt und Einigkeit über Normen hergestellt werden kann.“

 

Luisa Neubauer griff diesen Punkt auf, als sie von einer „Hegemonie des Misstrauens“ sprach. Damit würde politisch zugelassen, „was wir nicht zulassen dürfen“. Mit diesem Misstrauen gehe auch Resignation einher: „Wir sind niemand, wir sind allein.“ Das nutze nur den „Faschisten, die schlecht gelaunte Moralisten lieben“.

 

Utopisches Denken nicht den Rechten überlassen

Carolin Emcke knüpfte daran an: „Utopisches Denken darf nicht den Rechten überlassen werden.“ Sich selbst und andere nicht aufgeben – damit rekurrierte sie auf das „You“ im Motto der re:publica. „Wir werden nicht auswandern“: Mit diesen Worten attackierte sie das „merkwürdige Partygespräch“, wenn Verzweiflung und Mutlosigkeit wieder zum Ausdruck kämen.

 

Sich verbünden, gemeinsam agieren und kommunizieren, nannte die Runde unisono als Grundposition für künftiges Handeln, denn, so sagte es Constanze Kurz, „Aktivismus ist eine Form von Anti-Ohnmacht.“