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Gegen das Schnell-Schnell: Warum Langzeitrecherchen besseren Journalismus ermöglichen

Gegen das Schnell-Schnell: Warum Langzeitrecherchen besseren Journalismus ermöglichen Marius Elfering (Foto: privat)

Tempo, Zuspitzung, Klicks – vieles im Journalismus ist auf Geschwindigkeit getrimmt. In der „Journalisten-Werkstatt“ „Die Langzeit-Recherche“ zeigt Marius Elfering, warum gerade das Gegenteil oft den größeren Mehrwert schafft. 5 Tipps

Berlin – Langzeitrecherchen gehören zu den anspruchsvollsten Formen journalistischer Arbeit – und zu den wirkungsvollsten. In der „Journalisten-Werkstatt“ „Die Langzeit-Recherche“ beschreibt Marius Elfering, warum Zeit, Nähe und Kontinuität entscheidend sind, um komplexe Themen wahrhaftig zu erzählen.

 

Anhand der intensiven Begleitung einer Frau bis zu ihrem assistierten Suizid zeigt Elfering, wie journalistisches Vertrauen entsteht, welche Verantwortung damit einhergeht und warum sich gesellschaftliche Debatten erst durch langfristige Recherchen wirklich verstehen lassen. Der Text macht deutlich, welchen Mehrwert diese Form des Journalismus für Publikum, Protagonistinnen und Reporter gleichermaßen hat.

 

Drei Gründe, warum Langzeitrecherchen unverzichtbar sind:

  • Vertrauen ermöglicht Tiefe und Wahrhaftigkeit. Erst durch eine langfristige Begleitung entsteht ein belastbares Vertrauensverhältnis, das ehrliche Gespräche, intime Einblicke und differenzierte Perspektiven erlaubt. Dieses Vertrauen macht es möglich, Geschichten verantwortungsvoll und wahrhaftig zu erzählen – jenseits von schnellen Beobachtungen und oberflächlichen Zuschreibungen.
  • Komplexe gesellschaftliche Themen werden verständlicher. Langzeitrecherchen machen Entwicklungen, Grautöne und innere Widersprüche sichtbar, die in der tagesaktuellen Berichterstattung oft verloren gehen. Sie helfen, emotional und ethisch aufgeladene Debatten – etwa zum assistierten Suizid – differenziert abzubilden und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse besser zu verstehen.
  • Echte Emotionen statt punktueller Schlaglichter. Durch kontinuierliche Begleitung lassen sich echte Gefühle, Zweifel und Veränderungen erfassen, statt nur einzelne dramatische Momente zu zeigen. Das schafft emotionale Tiefe und stärkt zugleich das Vertrauen des Publikums in einen Journalismus, der sich Zeit nimmt.

 

Langzeitrecherchen sind anspruchsvoll, weil ihr Verlauf zu Beginn oft offen ist. Geschichten entwickeln sich, Wendungen entstehen, und mit ihnen wächst der organisatorische und mentale Aufwand. Um den Überblick zu behalten und Nebenstränge zu kontrollieren, braucht es neben journalistischem Können vor allem Struktur. 

 

Marius Elfering gibt folgende fünf Tipps, die helfen sollen, Langzeitrecherchen fokussiert und möglichst stressfrei umzusetzen:

 

1. Lass ein Tonband mitlaufen – immer!

Es kann schnell passieren, dass sich am Ende einer Recherche mehrere Hundert Stunden Tonmaterial angesammelt haben. Jetzt kann man sagen: „Das kann kein Mensch mehr überblicken.“ Und das stimmt. Wahr ist aber auch: Glaubst du wirklich, dass du bei einer Langzeitbegleitung mit Block und Stift hinterherkommst und den Überblick behältst?

 

Ich habe mir angewöhnt, jede Sekunde einer Recherche aufzunehmen – auch, um für jede Szene einen Beleg auf Band zu haben. In der ersten Zeit kann es für Protagonistinnen und Protagonisten eine Herausforderung sein, zu wissen, dass alles, was sie sagen, aufgenommen wird. Aber keine Sorge: Wenn das Vertrauen und die Chemie stimmen, wird das schnell kein Thema mehr. Je mehr Zeit man miteinander verbringt, desto „normaler“ verhalten sich Menschen, ohne jedes Mal das eigene Verhalten vorher zu durchdenken – aus Sorge vor der journalistischen Begleitung.

 

Die Bänder lasse ich anschließend transkribieren. Für mich hat sich das Transkriptionsprogramm Trint bewährt, es gibt aber auch Alternativen, die gut und kostengünstig sind. Bei der Nutzung von Transkriptionsprogrammen wie auch insgesamt bei Langzeitbegleitungen gilt: KI-Tools können hier und dort nützlich sein, etwa wenn du erste Entwürfe zur Struktur deines Beitrags machst oder bestimmte Fakten für den Hintergrund recherchierst. In weiten Strecken sind sie bei dieser journalistischen Form jedoch nicht hilfreich.

 

Die Themen für Langzeitbegleitungen sind generell zu komplex, der Verlauf von Gesprächen und das daraus Folgende lassen sich nur schwer vorher planen. Denke an dieser Stelle lieber andersherum: Gerade bei einer Langzeitbegleitung kommt es darauf an, welche Arbeit KI dir nicht abnehmen kann. Es geht um Authentizität, es geht um die Abbildung des wahren Lebens. Keine Künstliche Intelligenz wird sich für dich in den Zug setzen und mit Block oder Mikrofon vor Ort sein. Du bist als Reporterin oder Reporter an dieser Stelle schlicht unersetzbar – und das ist doch wirklich mal ein gutes Gefühl, oder?

 

2. Führe eine Highlight-Liste

Setz dich am Ende eines jeden Recherchetages hin und notiere dir in einem einzelnen Dokument – aus dem Kopf heraus –, ob es an diesem Tag Szenen und Ereignisse gab, die es unbedingt in dein Stück schaffen sollten. So sortierst du dein Material von Beginn an und kannst große Teile der Recherche direkt wieder verwerfen. Schaffe dir, wann immer es geht, Ordnung und Überblick – du wirst später sehr, sehr froh darüber sein.

 

3. Beobachte Details und höre gut zu

4. Der Wert des Schweigens

5. Sorge für eine gute Atmosphäre

Zu allen Tipps

 

„Die Langzeit-Recherche“

  • Die Basis einer Langzeit-Geschichte
  • Praxisbeispiele und Themen-Fundgruben
  • Die Vorbereitung
  • Die eigentliche Recherche
  • Auf der Zielgeraden
  • Umgang mit einer Gruppe
  • Zeit ist Geld
  • Sei ehrlich: Hab ich genervt?
  • Checkliste

 

Zum Autor der Werkstatt:

Marius Elfering lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln. Zu seinen Auftraggebern gehören vor allem DLF, DLF Kultur und WDR. Kern seiner journalistischen Arbeit sind Langzeitbegleitungen, unter anderem von Menschen in besonders herausfordernden Lebenssituationen.