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Markus Wiegands KI-Versuch: Wie lässt sich menschlicher Journalismus erkennen?

Markus Wiegands KI-Versuch: Wie lässt sich menschlicher Journalismus erkennen? Markus Wiegand

Der „kress pro“-Chefredakteur versucht, einen von Menschen geschriebenen Text mit einer ungewöhnlichen Buchstabenfolge kenntlich zu machen – und zeigt damit zugleich die Grenzen solcher Nachweise.

Berlin – Markus Wiegand macht in seinem Editorial einen ungewöhnlichen Versuch: Er will zeigen, dass sein Text von einem Menschen stammt. Der „kress pro“-Chefredakteur setzt dafür auf eine eigens erfundene Buchstabenfolge – und zeigt damit, wie schwierig sich menschlich erstellte Texte von KI-Texten unterscheiden lassen:

 

Ich habe lange überlegt, wie ich Ihnen beweisen kann, dass diese Zeilen ein Mensch geschrieben hat. Dass dieses Editorial ein echter Wiegand ist. Dass ich keine Abkürzung genommen habe. Dass meine Finger im Schweiße meines Angesichts über die Tastatur geflitzt sind, um dieses Wort zu schreiben. Und dieses.


Ich wollte schon fast aufgeben und dann hatte ich einen genialen Einfall. Man muss nur eine Zeile einfügen, die nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit unmöglich ist, die ein Large Language Model also nicht schreiben kann, weil es sie noch nie gab. Was halten Sie davon?


KQQQQRRRRRRRRRRRRRRYYYYYÖÖÖÖÖCCCCCCCCCCC


Im ganzen Internet hat das weltweit noch nie jemand geschrieben, sagt Google. Ich könnte auch noch ein Rufzeichen hintendran setzen, aber ich finde, es geht auch ohne.


Das Problem ist natürlich, dass diese Lösung nur einmal für genau diesen Text funktioniert. Sobald das Editorial online steht, können diese Kraken von Sprachmodellen darauf zugreifen und dann, zack, kann die originelle Zeile in andere KI-generierte Texte einfließen. Ich gebe also offen zu: Als Branchenlösung taugt der Ansatz nicht. Obwohl es sehr reizvoll wäre, wenn die edlen Federn von FAZ, Spiegel und Co. originelle Buchstabenkombinationen in ihre Texte einbauen müssten, um zu zeigen, dass sie Menschen sind.


Keine Branchenlösung

Tatsache ist: Es gibt noch keine Lösung, um nachzuweisen, dass Texte menschengemacht sind. Selbst Tools, die vorgeben, KI-Texte erkennen zu können, sind noch mit großen Unsicherheiten behaftet. Das können Sie in unserer Titelstrecke zum Thema KI-Einsatz in Redaktionen lesen. Darin sagen verschiedene Medienprofis, wie sie die Grenzen in ihren Häusern definieren. „Handelsblatt“-Chefredakteur und KI-Kenner Sebastian Matthes sagt zum Beispiel: „Der Mensch schreibt, KI darf verbessern.“ Für seine Marke ist das der richtige Ansatz, weil seine Kundschaft vermutlich ein menschengemachtes Premium-Produkt erwartet.


Dieser entscheidende Aspekt kommt in der scharfen Debatte um die Grenzen des KI-Einsatzes im Journalismus oft zu kurz: Letztlich definieren nicht wir Journalistinnen und Journalisten, welche KI-Praktiken sich durchsetzen, sondern die Nutzerinnen und Nutzer. Ich sprach kürzlich mit dem Chef eines digitalen Gratis-Angebots, der fest davon überzeugt ist, dass sein Publikum ein vollautomatisiertes News-Angebot jederzeit akzeptieren wird, und deshalb mit Eifer daran arbeitet.


Das größte Problem ist vielleicht derzeit, dass wir nicht genau wissen, was das Publikum erwartet. Die wissenschaftliche Studienlage ist noch dünn, bietet aber immerhin erste Hinweise. Im Digital News Report 2025 des Reuters Institute für den deutschen Markt gaben 54 Prozent der Befragten an, sich „unwohl“ zu fühlen, wenn Nachrichten „hauptsächlich durch KI produziert“ werden. Nur 13 Prozent fühlten sich „wohl“ damit. Wenn Nachrichten dagegen „mit etwas Hilfe von KI“ produziert werden, fühlten sich damit nur noch 26 Prozent „unwohl“, aber 24 Prozent „wohl“.


Gleichzeitig haben Menschen ein gutes Gespür dafür, dass „KI bereits eine wichtige Rolle in den Medien spielt“. 75 Prozent der Befragten in einer ARD-Media-Studie aus dem vergangenen Jahr stimmten der Aussage „voll und ganz“ oder „eher“ zu. Gleichzeitig sagen viele Menschen, „KI-generierte Inhalte sind für mich schwer von journalistischen Inhalten zu unterscheiden“: 63 Prozent stimmten dieser Aussage „voll und ganz“ oder „eher“ zu.


Das bedeutet: Wir müssen künftig transparent machen, wie viel KI an welchen Stellen in unseren Produkten steckt. Damit unsere Kundinnen und Kunden uns weiter vertrauen. Auch wir bei „kress pro“ arbeiten an KI-Richtlinien. Ganz einfach ist das nicht, wenn die Deklaration kein kompliziertes Monstrum werden soll. Geben Sie mir bitte noch den Sommer über Zeit. Ich muss noch nachdenken.

 

Weitere Top-Themen in „kress pro“:

  • „Der Mensch schreibt, KI darf verbessern“. „Handelsblatt“-Chefredakteur Sebastian Matthes im Interview
  • Fünf Cases des Monats. KI-Strategie, Funkes Pilotprojekt, Podcast-Vermarktung, digitaler Vertrieb, KI-Automatisierung
  • SZ-Verlegerfamilie Friedmann. Millionenschwerer Vergleich