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Newsroom – Wolfgang Messner

Neustart ohne Mastermind: Was die neue „Spiegel“-Führung leisten kann – und wo Zweifel bleiben

Neustart ohne Mastermind: Was die neue „Spiegel“-Führung leisten kann – und wo Zweifel bleiben Zimmer, Lachmann, Hoyer, Hass (r., Foto: Isabela_Pacini)

Mit dem Abgang von Stefan Ottlitz verliert der „Spiegel“ seinen strategischen Taktgeber. Nun liegt die Verantwortung bei einer neuen Führungsriege. Wie stark ist das Team um Hass, Hoyer, Lachmann und Zimmer wirklich aufgestellt?

Hamburg – Dass Ottlitz beim „Spiegel“ nach der Macht gegriffen hat, mag für die Mitarbeiter-KG und für manche im Haus anmaßend klingen. Andere aber erkennen durchaus auch eine Notwendigkeit dazu. Denn in den vergangenen Jahren hatte Ottlitz – und nur er – die strategische Führung beim „Spiegel“ inne. Rund 67 Millionen Euro an digitalen Vertriebserlösen verzeichnete das Blatt im vergangenen Jahr. Ein Verdienst, das auch die Kritiker von Ottlitz anerkennen. Von Co-Geschäftsführer Thomas Hass, formell die Nummer eins als „Vorsitzender der Geschäftsführung“, sind derlei Leistungen nicht belegt.

 

Dass Ottlitz sich immer schon als Mastermind gesehen hat, der weiß, wohin die Reise für die Medienbranche geht, hat ihm nicht nur Freunde gemacht. Doch von vielen „Spiegel“-Leuten wird er bis heute als jemand gesehen, der wenigstens eine Vorstellung davon hatte, wohin es gehen soll. Nun, da der Vordenker Ottlitz weg ist, droht der „Spiegel“ in ein strategisches Loch zu fallen. Umso mehr stellt sich die Frage, was die verbliebene Führungsriege kann.

 

Thomas Hass (60), Geschäftsführer:
Hatte Ottlitz eine Vorstellung, wie der „Spiegel“ sich in digitalen Zeiten aufstellen sollte, gibt es an Hass mehr als Zweifel. „Thomas ist da blank“, sagt eine hochrangige Führungskraft. Hass war lange im Vertrieb tätig und ab 2005 Leiter des Vertriebsmarketings. Seine Machtbasis war immer die Mitarbeiter-KG, der er seit 2007 angehörte und die er von 2013 bis zu seiner Berufung als Geschäftsführer im Jahr 2015 als KG-Vorsitzender führte.

 

Seine Kritiker sagen, seine größte Fähigkeit liege darin zu wissen, woher der Wind weht. So habe er es immer geschafft, sich im entscheidenden Moment auf die Seite desjenigen zu schlagen, der als Gewinner aus den Machtkämpfen hervorgeht. So überstand er die Amtszeiten der Chefredakteure Wolfgang Büchner, Klaus Brinkbäumer und Steffen Klusmann und installierte maßgeblich den jetzigen Chefredakteur Dirk Kurbjuweit, den er bis heute mitprotegiert. Hass muss seinen Kritikern nun zeigen, dass er nicht nur taktisch lavieren, sondern das Haus auch strategisch führen kann.

 

Martina Hoyer (50):
Sie ist seit April 2025 Leiterin Finanzen der „Spiegel“-Gruppe. Hoyer kommt von Gruner + Jahr/RTL Deutschland, wo sie den Bereich Investitionen und Beteiligungen verantwortete. Sie soll neben der Finanzabteilung mittelfristig weitere Geschäftsführungsaufgaben, etwa bei „Spiegel TV“, übernehmen. Allerdings trauen ihr nur wenige im Haus zu, den wegen seiner hohen Kompetenz geschätzten Sven Rathje auch nur annähernd ersetzen zu können.

 

Jennifer Lachmann (44):
Die Geschäftsführerin des „Manager Magazins“, zu dem auch der „Harvard Business Manager“ zählt, wird Chief Operating Officer (COO) mit Schwerpunkt auf der Weiterentwicklung der „Spiegel“-Gruppe. Die gelernte Journalistin war zuvor bei Xing, der „Financial Times Deutschland“ und bei den Gruner+Jahr-Wirtschaftsmedien tätig. Sie soll MM-Geschäftsführerin bleiben und neben der Personalabteilung auch die Verantwortung für Spiegel Media übernehmen. Auch bei ihr gibt es erhebliche Zweifel, ob sie der Aufgabe gewachsen ist. Zudem gilt ihr Wirken beim „Manager Magazin“ nicht als Erfolgsgeschichte, da sich die wirtschaftlichen Zahlen derzeit schlecht entwickeln.

 

Christoph Zimmer (49):
Die frühere rechte Hand von Stefan Ottlitz wird neuer Chief Product Officer (CPO) und übernimmt damit die Verantwortung für die Weiterentwicklung der Angebote der Gruppe gemeinsam mit der Chefredaktion sowie für die Bereiche Produkt, Vertrieb und Herstellung. Zudem bleibt er Geschäftsführer von „11 Freunde“. Ottlitz hatte Zimmer 2022 von Tamedia in der Schweiz zum „Spiegel“ geholt. Dort hatte Zimmer lange als Pressesprecher gearbeitet und war anschließend auf die Produktseite gewechselt. Ein solider Arbeiter – intern ist man sich jedoch sicher, dass er Ottlitz nicht ersetzen kann.

 

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