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Stefan Aust: „Wahrheit ist unantastbar – selbst wenn sie weniger spektakulär aussieht“

Stefan Aust: „Wahrheit ist unantastbar – selbst wenn sie weniger spektakulär aussieht“ Stefan Aust (Foto: Eibner/EXPA/picturedesk.com)

Der „kress pro“-Lebenswerk-Preisträger blickt auf prägende Stationen seines journalistischen Lebens zurück – und auf das, was aus seiner Sicht im Journalismus verloren zu gehen droht: Blattmachen, Faktentreue und Fehlentwicklungen in den Medien von heute.

Berlin – Die Auszeichnung für sein Lebenswerk durch „kress pro“ steht am Rand, der Blick richtet sich nach vorn – und zurück auf Erfahrungen, die Stefan Austs Verständnis von Journalismus geprägt haben. Im Interview mit Rupert Sommer geht es um die aufregendsten Jahre seiner Karriere, um Konsequenz in der Recherche und um Standards, die aus seiner Sicht nicht verhandelbar sind. Drei Passagen, die zeigen, wofür Aust steht:


… hätten Sie sich zugetraut, Claas Relotius, der mit seinen Fälschungen der Marke „Spiegel“ großen Schaden zugefügt hat, zu entlarven?
Stefan Aust: Jemand wie Relotius wäre zu meiner Zeit bei uns nie durchgekommen. Soll ich das mal an einem Beispiel unter meiner Ägide erklären?
Wir hatten einmal bei „Spiegel TV“ einen Film über ein Schiff, das Waffen nach Somalia brachte. Der Sprechertext begann mit „Das Meer vor Mogadischu“. Ich fragte: „Ist das wirklich dort gedreht?“ Man sagte mir dann: „Nein, aber das Meer sieht doch überall gleich aus.“ Da flog die Szene sofort raus. Oder bei einem Bericht über Stimmungsmache in einem Fußballstadion hatte ein anderer Kollege einen Fangesang dreimal hintereinander geschnitten, um ihn eindrucksvoller zu machen. Auch das habe ich verboten. Wahrheit ist unantastbar – selbst wenn sie weniger spektakulär aussieht.

 


Wenn Sie heute auf Ihr Leben und Ihre Karriere zurückblicken, vom Schülerzeitungsmitarbeiter über Fernsehen, Chefredaktion und Medienunternehmertum bis zur Herausgeberschaft – gibt es eine Station, an der Sie am liebsten noch einmal anfangen würden?
Am aufregendsten und auch am anstrengendsten war sicher die Zeit bei „Spiegel TV“.
Es war eine Zeit, die ich noch immer sehr lebhaft in Erinnerung habe. Wir haben das Magazin am 8. Mai 1988 gegründet, und das war wirklich eine Art Aufbruch. Jeden einzelnen Mitarbeiter habe ich damals selbst ausgesucht und eingestellt. Ich konnte das Fernsehen so machen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nach 15 Jahren bei „Panorama“ hatte ich natürlich viel gelernt – manches wollte ich ähnlich, manches bewusst anders machen.

 


Wenn Sie die Medienlandschaft heute betrachten – was stört Sie am meisten?
Mich stört weniger die Aufgeregtheit, sondern dass viele Journalisten dem Mainstream hinterherlaufen und nicht kritisch genug denken. Diese große Empörung über Hass im Netz halte ich für übertrieben. Ich werde auch manchmal beschimpft, drücke dann auf den Knopf mit dem Papierkorb – und weg ist es.

 

Außerdem im Interview zu lesen:

  • Warum Aust beim „Spiegel“ vor allem Blattmacher und nicht Autor war
  • Wie er sich über Jahre mit Rudolf Augstein überwarf – und wieder versöhnte
  • Weshalb er nie wirklich „links“ war, trotz Nähe zu linken Milieus
  • Wie prägend die Zeit rund um 1968 und den Mord an Rudi Dutschke für ihn war
  • Warum er jungen Menschen den Journalismus nicht empfiehlt – außer sie wollen es unbedingt

 

 

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