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Was die taz über Ulf Poschardt, die Brandmauer und Springer schreibt

Was die taz über Ulf Poschardt, die Brandmauer und Springer schreibt Ulf Poschardt (Foto: IMAGO/Panama Pictures/Christoph Hardt)

Ein Porträt zeichnet den „Welt“-Herausgeber als polarisierende Schlüsselfigur bei Springer. Es zeigt, wie Provokation zum publizistischen Prinzip wird, welche Rolle die Brandmauer-Debatte spielt und warum sich daran Fragen von Macht, Verantwortung und redaktioneller Kultur bündeln.

Berlin – Ulf Poschardt ist seit einem Jahr Herausgeber der „Premiummarke“ „Welt“ bei Axel Springer – und steht stärker denn je im Zentrum publizistischer, politischer und innerredaktioneller Kontroversen. Ein langes taz-Porträt zeichnet das Bild eines Medienmanagers, der Provokation zur Strategie gemacht hat, personelle Brüche in Kauf nimmt und die Grenze zwischen publizistischer Marke und persönlicher Inszenierung zunehmend verwischt. Der Text ist weniger Charakterstudie als Zustandsbeschreibung eines Verlagshauses im Dauerstreit um Meinung, Macht und Verantwortung. Hier die wichtigsten fünf Stellen aus dem taz-Text von Nicholas Potter:


Provokation als publizistische Methode
„Insgesamt drei Stunden spricht die taz mit Ulf Poschardt, einem höflichen, neugierigen Gegenüber mit Hang zu steilen Thesen. Einem Mann, der keinen Hehl aus seiner linken Sozialisierung macht, um heute einen libertären Kulturkampf zu führen. Und der dabei genau zu verstehen scheint, wie sowohl seine treuen Fans als auch seine vielen Gegner ticken.
Poschardt sucht gern die Provokation und findet leicht Provozierbare. Er gendert im Gespräch mit der taz durchgehend mit theatralischen Glottisschlag-Pausen, die er ‚dadaistisch‘ nennt. Er lobt die Klimaaktivistin Luisa Neubauer, weil sie ‚den Wahrnehmungs- und Meinungsmarkt besser verstanden hat als wir hier‘. Denn das ‚Shitbürgertum‘ habe ja den Kulturkampf gewonnen. Die taz lese er gern, sagt Poschardt.“

Der Musk-Gastbeitrag und die Brandmauer
„Kurz vor der Bundestagswahl, vor Poschardts Wechsel vom Chefredakteur zum Herausgeber, erschien im Dezember 2024 in der ,Welt am Sonntag‘ ein Gastkommentar von Elon Musk, in dem er unverhohlen Wahlwerbung für die rechtsextreme AfD machen durfte: eine Partei, die der reichste Mann der Welt als ‚letzten Funken Hoffnung‘ für Deutschland bezeichnete.
Wer den Gastbeitrag eingefädelt hat – darüber gibt es widersprüchliche Aussagen. Ob Poschardt selbst den Musk-Beitrag durchgeboxt habe, gegen den Willen der Redaktion? ‚Ich musste gar nichts durchboxen, sondern wir haben uns einfach gemeinsam entschieden, dass es ein Interesse daran gibt, so was zu lesen.‘ ,Welt‘-Mitarbeiter*innen, mit denen die taz gesprochen hat, bestreiten das. Die interne Stimmung sei danach ‚unfassbar schlecht‘ gewesen, sagt eine Mitarbeiterin und spricht von einem ‚Tabubruch‘.“

Kritik aus dem Inneren des Hauses
„Ein Mitarbeiter sagt der taz, er habe der Welt enorm geschadet. Eine zweite Person, die mehrere Jahre mit Poschardt zusammengearbeitet hat, sagt: ‚Wir sehen Ulf bei einer Radikalisierung zu, er wird immer extremer und fühlt sich so bedroht.‘
Ein inzwischen ehemaliger Mitarbeiter erzählt: ‚Er wirkte schon als Chefredakteur eher wie ein Herausgeber, war aber bei den teils kontroversen Morgenkonferenzen durchaus präsent und gab eine Linie vor.‘ Vielleicht habe der Verlag jetzt jemanden gebraucht, der ‚nicht nur edgy Kommentare schreibt‘, spekuliert er.“

Kündigungen, Rücktritte, Machtvakuum
„Auf den Musk-Beitrag folgten einige Abgänge im Haus. Sie zeigen ein Muster. Meinungschefin Eva Marie Kogel kündigte schon am Erscheinungstag aus Protest. Der Investigativreporter Hans-Martin Tillack schmiss ebenfalls hin. Auch der politische Korrespondent Jörg Wimalasena sowie der Investigativreporter Ulrich Kraetzer verließen seitdem die Zeitung.
Im Juni 2025 gab Jennifer Wilton, seit fast 20 Jahren bei Springer und seit 2022 Chefredakteurin der ,Welt‘, aus unbekannten Gründen überraschend ihren Rücktritt bekannt. Sie war zu diesem Zeitpunkt die einzige Frau in der Chefetage.“


Die Marke Poschardt
„Vor allem aber hat Poschardt jetzt Zeit zum Schreiben. 60 PS-starke Meinungsbeiträge hat Poschardt für die ,Welt‘ verfasst, seit er Herausgeber ist. Etwa jenen darüber, dass die Brandmauer gegen die AfD vor allem dem strategischen Machterhalt des rot-grünen Milieus diene. Oder darüber, dass antisemitische Ressentiments bei der Linkspartei noch aggressiver als bei der AfD vorkämen. Oder dass die FDP die ‚rationalste Partei der Gegenwart‘ sei. Die Marke Poschardt – mit solchen Beiträgen zahlt sie sich für den Verlag wohl aus.“

 

 

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