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Mediale Raubritterei: Wie die „FAZ“ einen „Welt“-Artikel von Wolf Biermann ohne seine Einwilligung veröffentlichte

Hat die „FAZ“ von der „Welt“ abgeschrieben? „Welt“-Chefredakteur Jan-Eric Peters nennt das Vorgehen der „FAZ“-Redaktion „dreist“. Von Bülend Ürük.

Berlin - Im Mittelpunkt des Streits: Wolf Biermann und sein Essay in Form eines Briefes an den Bürgerrechtler Matthias Büchner, den die „Welt“ zuerst am 3. Dezember im Netz und einen Tag später in ihrer gedruckten Ausgabe veröffentlicht hat.

„Die armseligen Thüringer Würstchen lassen sich von Gysi in die Pfanne hauen. Eine Katastrophe ist dies zwar nicht, aber doch ein Kummer, schreibt Wolf Biermann an die Freunde in Erfurt“ - so reißt die „Welt“ den polemischen Artikel an.

 

Der Originalbericht in der "Welt".

 

Auch die „FAZ“ hat den Brief veröffentlicht. Am 4. Dezember heißt es da im Teaser im Politik-Ressort: „Der Liedermacher Wolf Biermann legt noch einmal nach: In einem fulminanten Brief wendet er sich vehement gegen die Wahl von Bodo Ramelow zum ersten Ministerpräsidenten der Linkspartei. Auch SPD und Grüne bekommen ihr Fett weg.“

Das Problem bei der Veröffentlichung der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ist nur - den Brief hatte der streitbare Biermann gegen entsprechendes Autorenhonorar exklusiv für die „Welt“ und nicht als Kommentar verfasst, der frei von jedem Medium veröffentlicht werden durfte. Von einer Veröffentlichung durch die „FAZ“ wussten vorab weder „Welt“ noch Wolf Biermann.

Zudem fehlt bei der Veröffentlichung auf FAZ.net jeder Hinweis auf die Originalquelle.

Die „FAZ“ will einen Fehler aber nicht erkennen: „Bereits am 3. Dezember 2014, am Tag vor der gedruckten Veröffentlichung in der "Welt", erreichte der Text von Herrn Biermann per Email mehrere Redakteure der FAZ. Daher war nicht davon auszugehen, dass es sich um einen exklusiven Text handelte“, erklärte eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage von Newsroom.de.

 

Der einen Tag später veröffentlichte Brief in der "FAZ".

 

Ein naives Vorgehen, was ja eigentlich nur bedeuten kann - die Einwilligung des Autors ist bei Veröffentlichungen in der „FAZ“ nicht notwendig. Hauptsache, genügend Redakteure haben eine Email erhalten. Dann landet der Text einfach direkt im Netz oder im Blatt, quasi als Raubdruck und unter Umgehung jeder Form des gesetzlich verankerten Urheberrechts.

„Welt“-Chefredakteur Jan-Eric Peters findet für das Vorgehen der "FAZ" gegenüber Newsroom.de nur ein Wort: „Dreist“.

Wolf Biermanns polemische Attacke fand bei "Welt" und "FAZ" übrigens große Aufmerksamkeit. Der "Welt"-Brief kam bislang auf 136 Kommentare, 4726 Empfehlungen bei Facebook, 112 Empfehlungen bei Twitter. Ähnlich erfolgreich der Brief, den die "FAZ" erst einen Tag später veröffentlicht hat: 110 Kommentare, 2389 Empfehlungen bei Facebook und 69 Empfehlungen bei Twitter.

Bülend Ürük