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Macht, Geld und Kontrolle: Unruhe in den FAZ-Gremien

Macht, Geld und Kontrolle: Unruhe in den FAZ-Gremien Ulrich Wilhelm (Foto: IMAGO Images / Frank Petersen)

Während die FAZ wirtschaftlich solide dasteht, sorgt Kuratoriumschef Ulrich Wilhelm intern für Diskussionen. Satzungsänderungen, Abgänge im Aufsichtsrat und unterschiedliche Vorstellungen über die Strategie des Hauses belasten das Gremiengefüge, berichtet „kress pro“.

Frankfurt am Main – Jeden Sommer gibt die FAZ mit der ihr eigenen Diskretion in einem Artikel bekannt, wie es um den Titel wirtschaftlich bestellt ist. In diesem Jahr vermeldete man Erfreuliches. Unter der Überschrift „Die F.A.Z. baut ihr Digitalgeschäft weiter aus“ konnte man sich selbst für die zuletzt erzielten Fortschritte loben. „Mit einem Zuwachs von 23,9 Prozent auf 163.900 Verkäufe erweist sich FAZ+ weiterhin als das dynamischste Produkt des Hauses“, schrieb der Titel. Bei einem leicht gesunkenen Umsatz im Jahr 2024 von 216 Millionen Euro steigerte die FAZ GmbH den Gewinn vor Steuern deutlich auf 21 Millionen Euro.

 

Der Grund dafür allerdings hatte mit dem publizistischen Kerngeschäft wenig zu tun, schreibt Chefredakteur Markus Wiegand in „kress pro“: „Ein höheres Finanzergebnis und eine erfolgreiche Ergebnisentwicklung des Beteiligungsportfolios“ sorgen für die guten Zahlen. Dennoch stehe das Unternehmen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten solide da, sind sich verschiedene Quellen aus dem Umfeld der FAZ-Gremien einig, die es alle ablehnten, sich namentlich in diesem Artikel zitieren zu lassen.

 

Abgänge im Aufsichtsrat
Ganz am Ende des Beitrags in eigener Sache vermeldete man dann noch einige Wechsel im Aufsichtsrat. Vier bisherige Mitglieder (Karl Hans Arnold, Burkhard Keese, Katarzyna Mol-Wolf und Joachim Rosengarten) seien aus dem Gremium ausgeschieden, hieß es knapp.

 

Was das Blatt in eigener Sache verschwieg: Vor den Abgängen war es zu Querelen gekommen, die unterschiedlich geschildert werden, aber mit Ulrich Wilhelm zusammenhängen, der seit 2022 das Kuratorium der Fazit-Stiftung leitet, die 93,7 Prozent der Anteile an der FAZ besitzt und sich traditionell eher dezent im Hintergrund hält.

 

Kritiker Wilhelms schildern, der ehemalige BR-Intendant (2011–2021) und Regierungssprecher (2005–2010) habe die fein ausbalancierten Machtverhältnisse bei der FAZ durcheinandergebracht. Als Chef des Kuratoriums der Fazit-Stiftung sitzt Wilhelm auch im Aufsichtsrat. Den hat die FAZ 1995 eingeführt, um verstärkt wirtschaftliches Know-how ins Unternehmen zu bringen. Im Aufsichtsrat, so heißt es von Insidern, habe sich Wilhelm mit seinen Positionen auffallend oft nicht durchsetzen können. Das habe ihm missfallen und daher habe Wilhelm die Satzung geändert. Zuvor war es so, dass der Aufsichtsrat den Vorsitzenden und den Stellvertreter aus seiner Mitte gewählt hat. Neu bestimmt das Kuratorium der Stiftung, wer den Aufsichtsrat leitet.

 

Vor allem der Jurist Joachim Rosengarten, immerhin langjähriger Partner der Kanzlei Hengeler Mueller, kritisierte diese Neuerung intern und sah einen Verstoß gegen die Grundsätze guter Geschäftsführung. Seine Konsequenz: Er verabschiedete sich aus dem Aufsichtsrat. Gesichert ist auch, dass Karl Hans Arnold, ehemals Chef der Rheinischen Post Mediengruppe, für den Aufsichtsrat nach Ablauf der Amtszeit wegen Wilhelms Satzungsänderung und dessen Machtanspruch nicht weiter zur Verfügung stand.

Eine andere Sicht präsentieren Quellen, die Wilhelm nahestehen. Der ehemalige Regierungssprecher baue weder seine persönliche Macht aus noch die des Kuratoriums. Im Gegenteil: Anders als andere Vorsitzende des Kuratoriums der Fazit-Stiftung in der Vergangenheit habe Wilhelm bewusst darauf verzichtet, den Vorsitz des Aufsichtsrates oder den Stellvertreter-Posten zu übernehmen, weil diese Form der Ämterballung eine zu starke Machtkonzentration ermöglichen könnte.

 

Wilhelm, so berichten seine Befürworter, sei davon getrieben, die Unabhängigkeit der FAZ und besonders die der Redaktion zu zementieren.

 

Auch der Abgang des langjährigen Allianz-Managers Burkhard Keese, Bruder des Journalisten Christoph Keese (u. a. Chefredakteur der „Financial Times Deutschland“ und WamS), nach nur wenigen Monaten Amtszeit hängt ebenfalls mit Wilhelm zusammen. Der toughe Manager fand die FAZ-Gesellschafter zu behäbig. Zudem wollte Keese, der in London beheimatet ist, seinen Lebensmittelpunkt nicht nach Deutschland verlegen. Die Berufung: ein Missverständnis. Katarzyna Mol-Wolf hingegen schied nach der Insolvenz ihres Unternehmens aus.

 

Mit Argwohn wird bei kritischen Köpfen in Frankfurt auch gesehen, wie Wilhelm das Kuratorium personell neu besetzt hat. Sie sehen in der honorigen Liste (siehe Info-Kasten) ein Unterstützer-Netzwerk von Wilhelm, das über wenig wirtschaftliche Kompetenz und vor allem wenig Erfahrung im Medienbereich verfügt. Befürworter des Kuratoriumschefs erkennen dort dagegen starke Persönlichkeiten, die sich gerade nicht instrumentalisieren lassen. Im vergangenen Jahr kam es noch vor der Satzungsänderung in Frankfurt zu einer Aussprache zwischen Kuratorium und Aufsichtsrat, das die Gegensätze aber nicht auflösen konnte.

 

Strategische Fragen
Hinter den Querelen um die Besetzung der Gremien stehen auch strategische Grundsatzfragen. Im alten Aufsichtsrat gab es Stimmen, das Haus wirtschaftlich straffer zu führen und auch der Redaktion stärkere Veränderungen zuzumuten.

 

Ob das nötig ist, hängt vom Blickwinkel ab. Allein 436,4 Millionen Euro bilanziert die Fazit-Stiftung 2023 unter dem Posten „Wertpapiere des Anlagevermögens“. Auch wenn das Unternehmen ungewöhnlich hohe Pensionsrückstellungen von 280,2 Millionen Euro bilden musste, beträgt das Vermögen inklusive weiterer Werte, die in der Bilanz nicht gezeigt werden, einige Hundert Millionen Euro. Das Haus ist auch kurzfristig mehr als flüssig. Der „Kassenbestand und das Guthaben bei Kreditinstituten“ laut Bilanz: 140,5 Millionen Euro.

 

Die Kritiker Wilhelms fürchten nun, dass der Ex-Intendant sich auf dem Polster ausruht und das Haus „nach einer öffentlich-rechtlichen Logik“ führen will. Tatsächlich ist Wilhelm in der Vergangenheit nicht als großer Stratege aufgefallen. So ist unklar, wie forsch er den eingeschlagenen Weg der Digitalisierung und der Diversifizierung weitergehen will, den das langjährige Management um Thomas Lindner und Volker Breid eingeschlagen hat.

 

Die ganze Diskussion zeigt: Anders als etwa bei der „Neuen Zürcher Zeitung“ bestimmt ein kleiner Kreis von Gesellschaftern im Verborgenen über die Geschicke der FAZ. Und sowohl das Kuratorium der Fazit-Stiftung als auch das Herausgebergremium erneuern sich aus sich selbst heraus. Das Ergebnis: Die Herausgeber sind alle Männer, die zwischen 1960 und 1969 geboren wurden. Und im Kuratorium tragen sechs von acht Mitgliedern einen Professorentitel.

 

Niemand wirft Wilhelm übrigens vor, die FAZ persönlich oder politisch zu instrumentalisieren. Wilhelm wolle die FAZ tatsächlich schützen, meint einer. Es sei nur nicht ganz klar, vor wem eigentlich.

 

Must-Reads im aktuellen „kress pro“

  • Interview: „Vor uns liegt jetzt die entscheidende Phase“ – In diesem Jahr zeichnet „kress pro“ Thomas Düffert als „Medienmanager des Jahres“ aus. Im Interview erläutert der Madsack-Chef, wie er regionalen Journalismus künftig finanzieren will.

  • Ranking: Die Kress Awards 2025 – Die Besten der Branche – „kress pro“ zeichnet 70 Führungskräfte aus, die im vergangenen Jahr Herausragendes in der Medienbranche geleistet haben: in Vertrieb, Vermarktung und Chefredaktion (national und regional), im Digitalgeschäft, bei Fachmedien, TV und Audio sowie in Österreich und der Schweiz. Alle Sieger in zwölf Kategorien und die Begründungen.

  • Machtfragen beim Spiegel: Wie es nach dem Ottllitz-Abgang weitergeht.

  • Case: So erreicht die „Zeit“ mit Videos neue Zielgruppen – Auf welche Videoformate und Kanäle die „Zeit“ setzt, um mit Bewegtbild erfolgreich zu sein. Ein Interview mit Gregor Gysi erreichte bei YouTube 1,7 Millionen Abrufe und Platz eins.

 

 

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