Vermischtes
KNA – Florian Bayer

Österreich: ORF-Chef Clemens Pig hat seine Führungsmannschaft bestellt

Der ORF-Stiftungsrat bestellte am Dienstag das Team des designierten Generaldirektors Clemens Pig. Auf die 13 neuen Direktoren wartet viel Arbeit bei einem Sender im Umbruch.

Wien (KNA) – Mit der Vorstellung seines neuen Führungsteams will der designierte ORF-Generaldirektor Clemens Pig den öffentlich-rechtlichen Sender, der zuletzt selten aus den Schlagzeilen kam, wieder in ruhigeres Fahrwasser bringen. Der Stiftungsrat nahm Pigs Vorschlag für die vier Direktorenposten am ORF-Hauptsitz und die neun Landesstudio-Direktoren am Dienstag mit 30 bzw. 31 von 35 Stimmen an.

Die meisten der neuen Führungsleute bringen bereits ORF-Erfahrung mit. Einzig der Chef selbst und seine künftige Finanz- und Verwaltungsdirektorin Silvia Lieb waren bisher nicht beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk tätig. Pig war zuvor Geschäftsführer der Austria Presse Agentur (APA), Lieb war lange Jahre im Vorstand des Medienunternehmens Moser Holding, das unter anderem die „Tiroler Tageszeitung“ herausgibt.

 

Viele bekannte ORF-Gesichter

„Diese Mischung finde ich sehr, sehr gut“, sagte Pig bei der Vorstellung des neuen Teams, das Anfang 2027 die Arbeit aufnehmen soll. Die zentralen Hauptdirektionen leiten neben Lieb künftig Michael Krön (Programm und Brands), Angelika Simma-Wallinger (neu: Audience und Plattformen) und Harald Kräuter (Technologie und Innovation). Einzig Kräuter war bereits zuvor Technikdirektor, alle anderen sind erstmals im ORF-Direktorium.

 

Die anstehenden Aufgaben seien „groß, vielfältig und zeitgleich“, sagte Pig und nannte als Hauptthemen den Vertrauensverlust, die Finanzierung und die Digitalisierung. Die Bestellung der neuen Direktorinnen und Direktoren, erstmals nach den Vorgaben des European Media Freedom Act der EU, sei „ein Schritt zur Emanzipierung des ORF von politischer Einflussnahme“. Für die vier Direktorenposten waren rund 140 Bewerbungen eingegangen, ausgewählt über Hearings mit Ressort-Konzepten und eine Scorecard-Bewertung.

 

FPÖ kritisiert Verfahren

Noch am Vortag der Berufung übte Peter Westenthaler, Stiftungsrat der rechtsradikalen FPÖ, bei einer Pressekonferenz scharfe Kritik an deren Ablauf: Weder die übrigen Bewerbungen noch die Namen der zum Einsatz gekommenen Personalberater seien dem Stiftungsrat vorgelegt worden.

Die FPÖ hat nun gegen die Bestellung Einspruch bei der Rundfunk-Aufsichtskommission eingelegt, weil aus ihrer Sicht mehreren der neuen Direktoren die einschlägige Branchenerfahrung fehlt. Auf die Frage, ob er ein juristisches Nachspiel befürchte, reagierte Pig in den ORF-Nachrichten „Zeit im Bild 2“ gelassen: Es gehöre „offenbar zum politischen Geschäft dazu, auf bestimmte Organisationen oft hinzuhauen, auch auf den ORF“.

 

Schon Pigs eigene Bestellung zum Generaldirektor im Juni war umstritten: Er galt früh als Favorit und hatte prominente Fürsprecher in der Kanzlerpartei ÖVP, verstand sich aber stets als unabhängiger Kandidat.

 

Kein Kungeln mit den Ländern

Diese Linie zog Pig nun auch bei der Vorstellung seines Teams durch: Mit den Landeshauptleuten der neun Bundesländer in Österreich habe er bei der Bestellung der neuen Landesdirektoren – anders als viele seiner Vorgänger im Amt des Generaldirektors – bewusst keinen Kontakt gesucht. Das neue Direktorium sei „ein freies Team, ein frei gewähltes Team, ein Team der besten Köpfe“.

Zu den Aufgaben der neuen Führung kommt der Spardruck: Konkret muss der ORF rund 90 Millionen Euro einsparen, weil ab 2027 die bisher von der Bundesregierung gewährte Rückerstattung des Vorsteuerabzugs für den ORF entfällt. Diese Frist sei vom Gesetzgeber „verdammt kurzfristig“ angesetzt worden, sagte Pig.

 

ORF unter massivem Spardruck

Außerdem bleibt die Haushaltsabgabe von 15,30 Euro pro Monat bis 2029 eingefroren. Finanzdirektorin Lieb kündigte einen „sehr umfangreichen Realitätscheck“ bei den Finanzen an, sie werde bei den Einsparungen aber nicht nach dem „Rasenmäherprinzip“ vorgehen. Maßstab für alle Maßnahmen sei stattdessen der Public Value, „denn der ist unsere wesentliche Aufgabenstellung“. Konkreter wurde Lieb vorerst nicht.

 

Der neue Programmdirektor Krön will künftig stärker auf „Sprache und Ton“ in den Sendungen achten, um wieder einen „gescheiten Diskurs“ zu ermöglichen. Sein Eindruck sei, dass der ORF oft die „Metaebene“ verloren habe. Der Sender müsse sich daher die Fragen stellen: „Was braucht dieses Land? Was können wir leisten?“ Beim digitalen Ausbau setzt das Führungsteam auf das von Medienminister Andreas Babler (SPÖ) geplante Zukunftsforum am 10. und 11. September, bei dem über mehr Handlungsspielraum für den ORF im Online-Bereich verhandelt werden soll.

 

Weißmanns Schatten

Die Neu-Berufung des Direktoriums erfolgte in einer Zeit der Krise in Österreichs größtem Medienhaus. Ihren Anfang nahmen die Turbulenzen im Frühjahr mit dem Rücktritt des damaligen ORF-Generaldirektors Roland Weißmann. Weißmann musste gehen, nachdem er wegen anzüglicher Nachrichten an eine ORF-Mitarbeiterin unter Druck geraten war. Seither leitet die bisherige Radio-Direktorin Ingrid Thurnher das Unternehmen als Interims-Generaldirektorin.

 

Der Konflikt überschattet jetzt auch den Neuanfang unter Clemens Pig. Weißmann blieb zunächst im Haus, wurde in der Folge aber vom ORF gekündigt, wogegen der ehemalige Senderchef nun gerichtlich vorgeht. Am Dienstag startete der entsprechende Prozess am Arbeits- und Sozialgericht Wien um die aus seiner Sicht ungerechtfertigte Kündigung. Eine außergerichtliche Einigung zeichnete sich vorerst nicht ab.

 

Ermittlungen gegen Stiftungsratsvorsitzenden

Zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft im Umfeld von Weißmanns Rücktritt gegen den Stiftungsratsvorsitzenden Heinz Lederer (SPÖ) wegen möglicher Nötigung Weißmanns. Nach Presseberichten soll Lederer Weißmann im Frühjahr 2025 im Zusammenhang mit der 2026 anstehenden Generaldirektor-Wahl mit Forderungen für die Besetzung von Direktionsposten und Produktionsaufträgen unter Druck gesetzt haben.

 

Lederer, der von den österreichischen Grünen jetzt deswegen zum Rücktritt von der Spitze des mächtigsten ORF-Gremiums aufgefordert wurde, weist die Vorwürfe zurück. Es gilt die Unschuldsvermutung.

 

 

 

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