Vermischtes
Newsroom – Markus Wiegand

Wer schreibt besser? Chefredakteur Markus Wiegand oder die KI?

Wer schreibt besser? Chefredakteur Markus Wiegand oder die KI? Markus Wiegand

Er hätte es einfacher haben können: kurz prompten, fertig. Stattdessen schrieb der „kress pro“-Chefredakteur wie immer sein Editorial selbst – und ließ die KI dasselbe Thema bearbeiten.

Berlin – „Mensch, Mensch, Mensch, oder doch Maschine? Den einen Text habe ich geschrieben, den anderen die KI. Was gefällt Ihnen besser? Ich kann die Wahrheit vertragen“, schreibt „kress pro“-Chefredakteur Markus Wiegand. Hier die zwei Varianten:


Wiegand: Dem Menschen bleibt die originelle Nische

In den vergangenen Wochen ist eine Debatte um den Einsatz von KI beim Schreiben durch den Fall von Ex-„Tagesspiegel“-Chef Stephan-Andreas Casdorff über die Branche hereingebrochen. Ich finde, wir sollten uns dabei von einer Frage leiten lassen: Was erwartet das Publikum? Wenn Politikerinnen und Politiker für Meinungsbeiträge KI einsetzen, gehen die meisten Menschen sicher nicht davon aus, dass da jemand am Eichentisch bei Kerzenlicht stundenlang über Formulierungen gebrütet hat. Im Gegenteil: Man weiß, dass es Redenschreiberinnen und Redenschreiber gibt, die die Gedanken in eine schöne Form gießen. Die Empörung über den KI-Einsatz von Polit-Profis wirkt daher reichlich künstlich und ziemlich rückwärtsgewandt.


Ehe ich dieses Editorial geschrieben habe, habe ich mir auch die Frage gestellt: Erwarten Sie eigentlich, dass ich diesen Text im KI-Zeitalter noch selbst schreibe? Ich glaube: Ja. Was arbeitsökonomisch betrüblich ist, weil es sehr viel schneller gehen würde, ein bisschen hin und her zu prompten. Ich glaube aber, dass die meisten Menschen bei Meinungsbeiträgen wie diesem eine authentische Stimme eines anderen Menschen lesen wollen. Inspiration durch KI? Ja. Texte redigieren lassen durch KI. Ja. Aber die Gedanken und Formulierungen sollten nicht vorgestanzt sein. Sonst geben wir ein entscheidendes Stück unserer Persönlichkeit ab. Und zwar an eine Maschine, die nur so originell ist, wie es die Wahrscheinlichkeitsrechnung zulässt.


Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Nutzerinnen und Nutzer das Bedürfnis nach menschengemachten Texten vermutlich nur in ganz wenigen Bereichen haben werden. Immer dann, wenn ein subjektiver und origineller Blick gefragt ist. Bei vielen Beiträgen geht es aber darum, Informationen möglichst verständlich und effizient zu vermitteln. Und auch wenn die Einsicht am Berufsstolz von Medienprofis kratzt: Das können Maschinen besser und vor allem schneller als Menschen. Viele von uns werden künftig daher wohl mehr und mehr als Maschinenführer arbeiten und nur wenige als Kunsthandwerker.


Gemini: Wer denkt hier eigentlich?

Hand aufs Herz: Haben Sie heute schon mit ChatGPT geplaudert? Wahrscheinlich. Wir alle nutzen KI im Redaktionsalltag. Sie sortiert Datenfluten, transkribiert zähe Interviews und spuckt manchmal überraschend gute Headline-Ideen aus. KI ist eine verdammt effiziente Assistentin. Aber darf sie auch unsere Meinung haben?


Der Fall von Stephan-Andreas Casdorff hat unsere Branche kalt erwischt. Dass der langjährige „Tagesspiegel“-Chef und Editor-at-Large seine publizistischen Aufgaben ruhen lassen muss, weil er Meinungstexte von einer KI schreiben ließ, ist ein historischer Tiefpunkt im KI-Zeitalter des Journalismus. Kurz zuvor stolperte bereits Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt über KI-generierte Gastbeiträge und Holocaust-Reden. Wenn Politiker Phrasen dreschen, die Algorithmen für sie gewürfelt haben, schmerzt das die Demokratie. Wenn Journalisten das tun, zerstört es unser Geschäftsmodell.


Denn was unterscheidet uns im Jahr 2026 noch von der Content-Schwemme im Netz? Es ist unsere Persönlichkeit. Ein Kommentar lebt nicht von fehlerfreier Grammatik, sondern von Haltung, Reibung, Schmerz und menschlicher Erfahrung. Ein Algorithmus fühlt nichts. Er hat keine Biografie, kein Gewissen und kein ethisches Rückgrat. Er berechnet nur Wahrscheinlichkeiten.


Wo also verläuft die rote Linie? KI im Maschinenraum? Unbedingt – sie nimmt uns die stumpfe Routine ab und schafft Freiräume. KI auf der Brücke der Urteilsbildung? Niemals. Die sprachliche Ausformulierung eines Gedankens ist der Gedanke selbst. Wer diesen Prozess an eine Maschine delegiert, gibt den Kern unseres Berufs auf. Kundinnen und Kunden bezahlen uns nicht für synthetische Zeilen. Sie bezahlen uns für menschliche Glaubwürdigkeit. Wenn wir die KI unsere Meinung schreiben lassen, können wir uns das Schreiben gleich ganz sparen. Denn echtes Vertrauen lässt sich nicht algorithmisch berechnen – es muss durch menschliche Haltung jeden Tag neu verdient werden.

 

Must-Reads im aktuellen „kress pro“

  • Neun Cases, wie Medienhäuser ihr Geschäft in schwierigen Zeiten ankurbeln. Plus: Was Vermarktungsprofis wie Marco Bergmann jetzt empfehlen
  • Ranking: Die wichtigsten digitalen Dienstleister für Medienhäuser.
  • GEO: Wie Medien in KI-generierten Suchergebnissen sichtbar werden.
  • E-Paper im Fokus: Strategiegespräch mit den NOZ/mhäftsführern Paul Wehberg und Jens Wegmann.

 

 

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