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„Wir wollten wissen, warum sie in dieses Chaos zurückkehren“ – Jan Jessen über ein Dorf im Krieg

„Wir wollten wissen, warum sie in dieses Chaos zurückkehren“ – Jan Jessen über ein Dorf im Krieg Jan Jessen (Foto: Funke)

Zwischen Trümmern, Minenfeldern und neu gepflanzten Bäumen ringt ein Dorf in der Ukraine um so etwas wie Alltag. der Krisenreporter erlebt Menschen, die trotz Gefahr bleiben und wiederaufbauen. Für seine Berichterstattung wird er Anfang Mai mit dem Pressefreiheitspreis ausgezeichnet.

Essen – Der Krieg gegen die Ukraine hat unzählige Orte verwüstet und Leben für immer verändert und zerstört. Jan Jessen, Krisen- und Konfliktjournalist der Funke Mediengruppe und Politikchef der NRZ, berichtet von seinen Begegnungen mit dem schwer zerstörten Dorf Possad-Pokrowske, das er seit 2022 begleitet. Eine Geschichte vom langsamen Wiederaufbau an der ehemaligen Frontlinie und von den Menschen, die trotz anhaltender Gefahr nicht aufgeben.

 

Wie sind Sie 2022 auf das Dorf Possad-Pokrowske aufmerksam geworden?

Jan Jessen: Im November 2022 sind wir nach Cherson gefahren. Das ist die einzige Regionalhauptstadt, die von den Russen nach der Invasion erobert werden konnte. Wenige Tage vor unserer Fahrt war die Stadt befreit worden. Auf der Fahrt von Mykolajiw nach Cherson fuhren wir durch Possad-Pokrowske. Damals war das Dorf eine völlig zerstörte Ruinenlandschaft. Aber in den Trümmern sahen wir Menschen. Deswegen entschieden wir, zu halten und mit den Leuten zu reden. Wir wollten wissen, was sie dazu bewogen hatte, in dieses Chaos zurückzukehren, wie ihre Pläne für die Zukunft sind, wie sie ihr Dorf wieder aufbauen wollen. Wir erfuhren, dass die Front zwischen März und Oktober 2022 durch Possad-Pokrowske geführt hatte. Im Dorf hatten ukrainische Soldaten Position bezogen, davor russische. Jeden Tag waren bis zu 400 Geschosse eingeschlagen. Am Tag unseres Besuches waren etwa 150 der ehemals 2800 Bewohnerinnen und Bewohner zurückgekehrt. Wir führten damals viele Interviews, waren vom Mut der Menschen und ihrem Willen zum Wiederaufbau begeistert. Im Dorf gab es zu diesem Zeitpunkt keinen Strom, kein fließendes Wasser, keine Heizung. Im Dezember sind wir dann zurückgekommen, mit einem Transporter voller Generatoren, Powerbanks, Solarlampen, Kettensägen, Akkus und Invertern, die unter anderem Funke mit einer Spende von 40.000 Euro finanziert hatte. Seitdem war ich ein Dutzend Mal in dem Dorf, um zu berichten, aber auch, um die Menschen beim Wiederaufbau zu unterstützen.

 

Viele Menschen sind 2022 aus dem Dorf an der Kriegsfront geflohen, viele Häuser wurden zerstört. Was hat sich seitdem durch das Wiederaufbau-Programm verändert?

Während der Gefechte lebten nur etwa 30 der ursprünglich 2800 Bewohnerinnen und Bewohner im Dorf. Jetzt sind etwa 750 zurückgekehrt. Verschiedene Hilfsorganisationen haben in den vergangenen Jahren Unterstützung beim Wiederaufbau geleistet. Die ukrainische Regierung hat zwar angekündigt, Possad-Pokrowske zu einem Modelldorf zu entwickeln und entsprechend aufzubauen, auch der Präsident war vor Ort. Aber der Wiederaufbau läuft schleppend. Die Straße durch das Dorf ist repariert, mittlerweile liegen Gas- und Wasserleitungen, auch der Strom fließt in einigen Teilen. Einige neue Häuser stehen als Rohbauten. Die meisten Blindgänger sind geräumt. Die Bauern bestellen wieder ihre Felder. Aber das Dorf ist noch weit entfernt davon, ein normales Dorf zu sein. Es gibt keine Schule, keinen Kindergarten, viele Bewohnerinnen und Bewohner leben noch in provisorischen Unterkünften und müssen ihr Trinkwasser in Kanistern von Wasserstellen holen.

 

Der Krieg gegen die Ukraine wird noch weitergehen – haben die Menschen in Possad-Pokrowske weiterhin jeden Tag Angst um ihr Leben und ihr Dorf?

Die Menschen, mit denen wir im Dorf sprechen, sehnen sich natürlich nach Frieden. Aber der Krieg ist immer noch nahe. Kürzlich ist in der Nähe ein Munitionsdepot explodiert. Die Fahrt ins benachbarte Cherson wird immer gefährlicher, weil die Todeszone immer größer wird. Die Russen machen auf der Straße Richtung Cherson mit Drohnen gezielt Jagd auf zivile Fahrzeuge. Zudem wissen die Menschen in Possad-Pokrowske nicht, ob die Regierung wirklich ihr Versprechen halten kann und ihr Dorf so aufbaut, wie sie es in Aussicht gestellt hat. Also packen einige von ihnen selbst an. Bauern haben in Eigenregie Blindgänger geräumt, einige Bewohner haben eine Initiative namens „Weniger Worte, mehr Taten“ gegründet. Sie haben selbst Dächer gedeckt, Wasserleitungen verlegt, einen kleinen Park angelegt, für Kinder ein kleines „Kino“ eröffnet und alte Menschen mit Gasflaschen zum Kochen und Heizen versorgt.

 

Was gibt den Menschen Hoffnung?

Hoffnung macht vor allem, dass sie das Gefühl haben, nicht vergessen zu werden. Wenn wir ins Dorf kommen, freuen sich die Leute, weil sie merken, dass in Deutschland viele Menschen Anteil an ihrem Schicksal nehmen. Es geht außerdem voran, wenn auch zögerlich und langsamer, als sie es sich erhofft haben.

 

Gibt es Begegnungen, die Sie bei Ihren Besuchen besonders geprägt haben?

Ja, vor allem die mit denjenigen, die anpacken. Oleh, der mit seinen Freunden die Initiative „Weniger Worte, mehr Taten“ gegründet hat, mit der sie unermüdlich Unterstützung für die Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfes, aber auch umliegender Siedlungen leisten. Was mich von allen ihren Aktionen am meisten berührt hat, ist der kleine Park, den sie angelegt haben. Dort haben sie Pavillons und einen Kinderspielplatz gebaut und sie haben in die Bombentrichter Bäume gepflanzt. Olga, seine Mutter, die viele Wochen im Kartoffelkeller verbringen musste und trotzdem nicht ihre Herzlichkeit und Fröhlichkeit verloren hat. Ivanka, die in einem provisorischen Tiny-Haus lebt, in dem sie ihren kranken Sohn pflegt und die so stolz auf ihr kleines Gewächshaus ist, in dem sie Tomaten und anderes Gemüse anpflanzt. Andrij, der robuste Bauer, der mit seinem Traktor die Blindgänger aus seinem Acker gezogen hat und jetzt wieder anbaut. Viktor, der Priester, der in seiner kleinen Kirche Gottesdienste abhält und Beerdigungen durchführt. All die anderen, die Possad-Pokrowske nicht aufgeben wollen, sondern in dem Dorf ihre Heimat und ihre Zukunft sehen.

 

Wo kommen Spenden an und was wird damit konkret umgesetzt?

Ich versuche jedes Mal, wenn ich nach Possad-Pokrowske komme, Bargeld mitzubringen, um Olehs Initiative zu unterstützen. Spenden sammle ich über meine kleine Organisation „Caritas Flüchtlingshilfe Essen“ ein, in der ausschließlich ehrenamtliche Menschen arbeiten. Oleh berichtet regelmäßig und detailliert, was er und seine Freunde mit dem Geld machen – konkret suchen sie derzeit eine Finanzierung für ein „Sozial-Taxi“, mit dem sie kostenlos ältere Menschen ins Krankenhaus nach Mykolajiw oder größere Städte, zu Banken oder zu Behörden fahren können. Außerdem wollen sie Filteranlagen für Trinkwasser anschaffen, um die Menschen versorgen zu können, die noch nicht ans Wassernetz angeschlossen sind – und sie würden gerne wieder Gaszylinder anschaffen, damit die Menschen im Winter Wärme haben und kochen können, wenn wieder der Strom ausbleibt.

 

Zur Person: Jan Jessen (53) ist gelernter Krankenpfleger und seit 2002 Journalist. Für die Funke Mediengruppe berichtet der Politikchef der Neuen Ruhr/Neuen Rhein Zeitung regelmäßig als Krisen- und Konfliktjournalist aus Afghanistan, Armenien, Irak, Israel, Syrien oder der Ukraine. Anfang Mai wird Jan Jessen gemeinsam mit dem inhaftierten Hongkonger Verleger Jimmy Lai und der langjährigen Österreich-Korrespondentin der S„üddeutschen Zeitung“ Cathrin Kahlweit mit dem Pressefreiheitspreis des Bündnisses Zukunft Presse ausgezeichnet.




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