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Heinz Kühn: Kein leutseliger Landesvater

Der frühere SPD-Ministerpräsident Kühn wäre am kommenden Samstag 100 Jahre alt geworden. Die nach ihm benannte Stiftung fördert begabte Nachwuchs-Journalisten aus NRW in Form von Auslandsstipendien und vergibt an ausländische Journalisten Stipendien für Aufenthalte in Nordrhein-Westfalen.

Düsseldorf/Köln (dapd-nrw) - In der nordrhein-westfälischen SPD gibt es kaum noch aktive Politiker, die ihn persönlich gekannt haben. In der Riege der NRW-Ministerpräsidenten ist er im Vergleich zum langjährigen Landeschef Johannes Rau etwas in Vergessenheit geraten, dabei war Heinz Kühn zwölf Jahre lang Regierungschef am Rhein. Am kommenden Samstag wäre der frühere SPD-Politiker 100 Jahre alt geworden.

Die frühere Wissenschaftsministerin Anke Brunn lernte Kühn Ende der 60er Jahre kennen. "Wir haben uns als Jüngere in der SPD an ihm gerieben, gleichzeitig respektierten wir ihn sehr", sagt Brunn. "Kühn war ein großes rhetorisches Talent", schwärmt sie.

Der 1912 in Köln geborene Sohn eines Tischlers trat mit 18 Jahren in die SPD ein. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden die Sozialdemokraten verfolgt. Kühn leistete Widerstand. Er musste flüchten. In Prag und in Belgien arbeitete er als Journalist. Mit seiner Frau Marianne blieb er im Untergrund politisch aktiv.

Modellfall für Bonn

1946 kehrte Kühn aus dem Exil zurück. Rasch machte er Karriere in der SPD, lieferte sich im Bundestag Rededuelle mit CDU-Kanzler Konrad Adenauer. Im zweiten Anlauf als SPD-Spitzenkandidat siegte er bei der Landtagswahl am 10. Juli 1966. Die CDU musste auf die Oppositionsbänke. Kühn schmiedete eine sozial-liberale Koalition. Das Bündnis wurde drei Jahre später zum Modell für Bonn. Auch Willy Brandt bildete eine Koalition mit der FDP.

Kühns Zeit als NRW-Ministerpräsident war geprägt von viel Krisenmanagement: Bergwerke mussten schließen. Der sozial-liberale Reformeifer erlahmte angesichts der ökonomischen Dauerkrise in den 70er Jahren. Der "radikale Demokrat" (Kühn über Kühn) spürte immer stärker das "Murren" der kritischen SPD-Basis, wie sich Anke Brunn erinnert, die damals bereits im Landtag saß.

Weit gereist und scharf gerügt

Der frühere Emigrant pflegte seine Kontakte zu Sozialisten in aller Welt. Seine Reisen brachten Kühn allerdings auch den Vorwurf der Abgehobenheit ein. Kühn kenne "die Fidschi-Inseln und die Südsee besser" als Bochum und Herne, spottete der damalige CDU-Generalsekretär Kurt Biedenkopf laut "Spiegel".

Kühn galt nicht als Volkstribun, war kein leutseliger Landesvater wie sein Amtsvorgänger Franz Meyers (CDU) oder sein Nachfolger Rau. "Der Wahlkampf ist für mich eine Bürde, er ist kein Spaß. Aber Spaß macht es mir, wenn es Kampf gibt, Widerstand, Diskussionen", sagte der Hobbykoch einmal laut "Zeit" über sein Politikverständnis.

1978 trat Kühn aus gesundheitlichen Gründen zurück. Ohne Erfolg versuchte er noch, Johannes Rau als seinen Nachfolger zu verhindern. Die beiden Spitzengenossen konnten nicht so recht miteinander.

Von 1978 bis 1980 war Kühn erster Ausländerbeauftragter der Bundesregierung. 1992 starb er in seiner Heimatstadt Köln. Die Kühn-Stiftung vergibt heute Stipendien an junge Reporter.