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Großer Bahnhof für den «Alten Fritz»: Pleitgen übergibt WDR an Piel

Der WDR war 44 Jahre lang Pleitgens berufliche Heimat. Als er 1963 Redakteur wurde, träumte er nicht vom Intendantenamt: «Ich hätte jeden für irrsinnig erklärt, der mir so etwas prophezeit hätte.»

Köln (dpa) - Ganz großer Bahnhof für Fritz Pleitgen: Politisches Kabarett vom Feinsten und die Wucht der WDR-Big-Band, ein Bekenntnis zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk von NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) und launige Moderationen vom WDR-Star Götz Alsmann, viele lobende Worte von Rednern und herzlicher Applaus von 500 Gästen. «Liebenswürdiger kann man mir den Stuhl nicht vor die Tür setzen», bedankte sich Pleitgen.

Von welchem Kaliber der «Alte Fritz» ist, wie er im Sender von vielen genannt wurde, zeigte ein kurzer Einspielfilm. In Moskau war Pleitgen darin zu sehen und in Ost-Berlin, in Washington interviewte er den damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan und in den Rocky Mountains setzte er sich die Pelzmütze auf. Er war für viele Fernsehzuschauer schon eines der bekanntesten Gesichter des WDR und der ARD insgesamt, lange bevor er die Moderation des «Presseclubs» übernahm und Intendant wurde. Seine Nachfolgerin Monika Piel schilderte eines der Erfolgsgeheimnisse: «Fritz Pleitgen hat mit jedem geredet, der ihn angesprochen hat, jeden gefragt, wo er herkommt und sich für jeden Zeit genommen - mit echtem Interesse.»

Auf Piel warten große Aufgaben, und die dürften für die bisherige Radiofrau vor allem beim Fernsehen liegen. Denn die Zuschauer des WDR sind durchschnittlich 61 Jahre alt. Im Radio ist schon zu erkennen, wie die bisherige Hörfunkdirektorin für Nachwuchs beim Publikum zu sorgen versucht: «1LiveKunst» und «Kiraka» sprechen Kinder und Jugendliche im Internet an. So entstehen virtuelle Wellen, für die keine Frequenzen nötig sind und die bei den Hörern ankommen, wenn die die Ohren dafür frei haben. Bei «1LiveKunst» können junge Leute Kultur und aktuellen Pop online hören, beim «Kiraka» Kindersendungen herunterladen.

Ähnliches strebt Piel für das Fernsehen an. «Die Jugend ist nicht einfach weg! In vielen Fällen ist sie nur woanders», sagte Piel. Es gehe darum, darauf zu reagieren, wie die Jugend Medien konsumiert, nämlich online, als Podcast, am Computer. Es kommt also nicht nur auf die Qualität von «Tagesschau» und «Tatort» an, sondern auch darauf, dass sie dann zur Verfügung stehen, wenn das Publikum Zeit und Lust hat, sie anzuschauen.

Der WDR war 44 Jahre lang Pleitgens berufliche Heimat. Als er 1963 Redakteur wurde, träumte er nicht vom Intendantenamt: «Ich hätte jeden für irrsinnig erklärt, der mir so etwas prophezeit hätte.» Nicht nur, weil eine solche Karriereplanung für einen 25-Jährigen etwas vermessen gewesen wäre. Sondern auch, weil Pleitgen mit Leib und Seele Journalist ist. Noch mit Mitte 50, als er Hörfunkdirektor und dann Intendant wurde, fiel ihm der Wechsel ins Management nicht leicht. «Sie sind auch als Intendant immer Journalist geblieben», schrieb der ARD-Vorsitzende Fritz Raff zum Abschied. Was Pleitgen mitnimmt aus dem «Büro mit dem schönsten Ausblick auf Köln», passt in zwei Kartons: «Ich habe immer für eine übersichtliche Tischplatte gesorgt und für übersichtliche Verhältnisse in den Schubladen.»

Aber Pleitgen geht nicht so ganz: «Was heißt eigentlich Abschied?», fragte Ministerpräsident Rüttgers. «Wann sehen wir uns wieder, nächste oder übernächste Woche?» Pleitgen übernimmt nämlich die Ruhr 2010 GmbH, die den Auftritt des Ruhrgebiets für das Kulturhauptstadtjahr organisiert. Als ARD-Beauftragter für internationale Angelegenheiten und Präsident der European Broadcasting Union EBU, in der 71 Rundfunkanstalten aus 52 Ländern zusammengeschlossen sind, bleibt Pleitgen aktiv. Und auch die Fernsehzuschauer können ihn schon am Sonntag wiedersehen: In der «Lindenstraße» bucht er eine Reise bei Mutter Beimer.