Vermischtes
KNA – Steffen Grimberg

SWR-Intendant Kai Gniffke über Transparenz, Fehlerkultur und Qualität

Die digitale Welt verändert auch die Kriterien für Qualitätsjournalismus. Ein Gespräch mit dem SWR-Intendanten und ehemaligen ARD-aktuell-Chef Kai Gniffke über Journalismus, Haltung und Technikfröhlichkeit.

Stuttgart (KNA) – Kai Gniffke (65) ist seit 2019 Intendant des Südwestrundfunks (SWR) und immer Journalist geblieben. Ab 2003 arbeitete er über anderthalb Jahrzehnte in der Chefredaktion von ARD-aktuell in Hamburg und war damit für die „Tagesschau“ und die „Tagesthemen“ verantwortlich. 2006 wurde er Erster Chefredakteur von ARD-aktuell. Ab 2007 informierte er als erster ARD-Hierarch im „Tagesschau“-Blog über die Hintergründe und Zusammenhänge seiner Arbeit und wurde dafür mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet.

 

Gniffke ist auch einer der Väter der „Tagesschau“-App, die heute zu den meistgenutzten Informationsangeboten im deutschen Netz gehört. 2023 und 2024 führte Gniffke als SWR-Intendant turnusmäßig den ARD-Verbund und forcierte die laufenden Reformen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Bis Jahresende ist er noch stellvertretender ARD-Vorsitzender, Gniffkes aktuelle Amtszeit als SWR-Intendant läuft noch bis August 2029.

 

Herr Gniffke, haben sich die Kriterien für journalistische Qualität eigentlich verändert?

Ja – weil sich die Welt verändert hat. Es gibt Grundtugenden, handwerkliche und ethische Standards, die sind unverrückbar. Aber wir haben zu berücksichtigen, dass wir in einer Welt von Social Media leben, in der Dialog eine ganz andere Dimension hat. Früher haben wir Zeitungen gedruckt und Sendungen gemacht, von denen wir überzeugt waren, so ist das richtig. Jetzt ist die ganze Welt dialogischer geworden und diskutiert mit. Damit haben sich diese Kriterien vielleicht nicht grundlegend verändert, aber deutlich erweitert.

 

Welchen Einfluss hat der Dialog denn auf die journalistische Arbeit und die Qualitätsdiskussion?

Mit Beginn des Internetzeitalters und später bei Social Media hatten wir die Illusion, alles wird offener, liberaler, freier – es bleibt nichts mehr ungesagt. Jetzt müssen wir feststellen: Das Gegenteil ist der Fall. Weltweit entscheidet eine Handvoll großer Konzerne in einem hohen Maße darüber, was Menschen in Deutschland zu sehen, lesen und hören bekommen und was nicht. Wir müssen uns dringend damit beschäftigen, wie wir eine freie, offene deutsche Medienlandschaft erhalten. Dazu kommt die ungeheure Bedeutung von Emotionen bei Social Media. Die Plattformen und Intermediäre wollen damit Traffic und Einnahmen generieren, sorgen aber dafür, dass der Dialog massiv verroht und verkommt. Hier hat sich die Welt anders entwickelt, als ich mir das in meinen internet-euphorischen Jahren vorgestellt hatte.

 

Heißt das, Sie würden so etwas wie Ihren Blog, den Sie 2007 als „Tagesschau“-Chef gestartet haben, heute nicht mehr machen?

Doch – und ich bin froh, dass ich es gemacht habe. Denn heute ist so etwas doch elementarer Teil unserer journalistischen Arbeit. Vielleicht war das zu der Zeit noch nicht selbstverständlich. Aber dass wir heute transparent sein müssen, dass wir den Leuten erklären müssen, wie wir arbeiten, und dann am Ende auch mal zuhören, was die davon halten: Da hat sich Journalismus echt verändert. Das meine ich ja, wenn ich sage, Journalismus muss transparenter und dialogischer werden. Wir sind da alle auf dem Weg, aber ich glaube, da ist noch Luft nach oben.

 

Und warum passiert dann gemessen am medialen Output so wenig in diese Richtung? Es gibt ja nun nicht zu jeder Sendung ein „Making of“ …

… denn das bedeutet natürlich Aufwand. Und auch Dialog mit dem Publikum bedeutet Aufwand. Schon zu meiner „Tagesschau“-Tätigkeit waren wir täglich mit Tausenden von Kommentaren konfrontiert. Das wird irgendwann ein Mengenproblem: Lässt sich das noch ordentlich moderieren? Kannst du es beherrschen? Dafür haben viele Medienhäuser noch keine überzeugende Antwort gefunden. Denn natürlich ist es eine wunderbare Vorstellung, zu jedem Thema eine große Diskussion stattfinden zu lassen. Aber auch wir merken, dass trotz der Kolleginnen und Kollegen, die im Community-Management im SWR tolle Arbeit leisten, unsere Ressourcen hier begrenzt sind. Und wenn diese Diskussionen nicht sorgsam moderiert werden, wird es sehr schnell niveaulos und damit gerade für die Menschen uninteressant, die sich gerne wirklich austauschen würden. Hier ist das große Thema, wie wir künftig KI einsetzen, um solche Diskussionsprozesse in vernünftigen Bahnen laufen zu lassen.

 

Wie „KI-offen“ nehmen Sie denn den öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder Ihr eigenes Haus, den SWR, wahr?

Das ist einer der Punkte, mit denen ich ein wenig hadere. Denn ich glaube, wir brauchen ein bisschen mehr Technikfröhlichkeit, eine größere Offenheit für neue Technologien. Das heißt nicht, dass ich unkritisch alles adaptiere, was KI möglich macht. Aber mein Eindruck ist, dass wir ein bisschen zu stark auf die Gefahren, Risiken und Nebenwirkungen gucken und die Chancen zu wenig beachten. Aber daran arbeiten wir im SWR gerade aktiv. Erklärtes Ziel ist es, unseren KI-Reifegrad zu steigern und größtmögliche Potenziale für unsere Nutzenden, aber auch für das Unternehmen selbst zu identifizieren und dies über konkrete Anwendungsbeispiele erlebbar zu machen.

 

Wo kann die KI denn den Qualitätsjournalismus unterstützen?

Sie kann wertvolle Dienste leisten, wenn es um Fact-Checking oder das Analysieren riesiger Datenmengen geht. Dabei sollte man sich aber nicht auf einen KI-Anbieter verlassen, sondern immer noch einen zweiten nutzen. Und am Ende bleibt immer noch ein Mensch, der draufguckt. Und wenn etwas schiefgeht, müssen wir auch sagen: Wir haben da ’nen Bock geschossen und machen das transparent. Am Ende wird dies das Einzige sein, was den Qualitätsjournalismus noch von den ganzen anderen Medienanbietern unterscheidet: Wir stehen mit unserem Namen und mit unserem Gesicht dafür ein, dass wir nach bestimmten ethischen und handwerklichen Standards arbeiten. Und dass die Menschen sich darauf verlassen können, dass wir Fehler zugeben und selbst öffentlich machen. Raus kommt es ja eh …

 

Mit der Fehlerkultur ist es aber in vielen Medienhäusern und auch in der ARD weiterhin so eine Sache …

Wenn beim SWR Fehler passieren, machen wir das transparent und stellen es auch zusätzlich auf der Korrekturen-Seite nochmal ins Netz. Die ist auch nicht versteckt, sondern leicht zu finden. Ich glaube, wir dürfen uns, ohne großen Schaden zu nehmen, zu unserer Fehlbarkeit bekennen: Wir sind nicht unfehlbar. Ja, ich weiß, wir kommen aus diesem alten Broadcast-Zeitalter: Was die „Tagesschau“ gesendet hat, war dann so. Aber heute können und müssen wir den Menschen sagen: Wir sind auch nur aus Fleisch und Blut und es kann sein, dass wir Fehler machen. Aber bei uns habt ihr die Gewissheit, dass wir es kenntlich und öffentlich machen.

 

Mal etwas weg von der Fehlerkultur habe ich aktuell allerdings den Eindruck, gerade die ARD war schon mal offener, zum Beispiel wenn es um ihre aktuelle Lage geht!

Das ist eine Diskussion, die wir jeden Tag in unserer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit führen: Wo sagen wir, hier ist der Meinungsbildungsprozess in der ARD noch nicht abgeschlossen, da sagen wir nichts dazu. Dazu kommt: Es gibt natürlich auch unterschiedliche Möglichkeiten, wie man nichts dazu sagt. Eine Antwort wie „Dazu können wir uns nicht äußern“ würde meine Neugier als Journalist ja erst richtig wecken. Wenn man aber ehrlich sagt: „Ja, das ist im Moment Thema bei uns, und es gibt dazu unterschiedliche Positionen in der ARD und wir versuchen, die bis zum soundsovielten unter einen Hut zu bringen und äußern uns dann“, sieht das schon anders aus. Wir müssen mehr erläutern, warum wir an manchen Stellen hadern, und ehrlich zugeben, dass wir unterschiedliche Positionen haben. Nur ist die Sorge leider nicht ganz unberechtigt, dass so etwas sofort auch skandalisiert wird. Ich habe in meiner ARD-Vorsitzzeit so meine Erfahrungen gemacht, wie schnell Offenheit bestraft wird.

 

Kommen wir da wieder raus, oder sind das Fliehkräfte, die wir unter Umständen gar nicht mehr im Griff haben?

Ich glaube schon, dass wir auf einem sehr guten Weg sind. Wir haben verstanden, dass sich Qualitätsjournalismus weiterentwickeln muss. Und zwar so, dass alle die Gewissheit haben, dass das uns entgegengebrachte Vertrauen nicht missbraucht wird. Dafür müssen wir Qualitätsmedien in ein paar Punkten noch mal unsere Sinne schärfen. Die Grundeinstellung heißt für mich dabei: Wir sind Anwalt der Wirklichkeit. Wir sind nicht Anwalt der vermeintlich Schwachen, der Machtlosen, der Opfer. Deren Perspektive kommt selbstverständlich auch bei uns vor. Aber genauso wichtig ist die Perspektive aus der Wirtschaft. Unternehmen haben mit Bürokratie, Fachkräftemangel, hohen Kosten und wachsender internationaler Konkurrenz zu kämpfen, da wäre eine stärkere journalistische Einordnung dieser Themen aus Sicht von Industrie und Mittelstand hilfreich. Wir Journalisten erzählen gerne in so einer Dramastruktur: die Schwachen gegen die Starken, David gegen Goliath. Das ist eine wunderbare Geschichte, die immer funktioniert – aber leider nicht das, was ich unter Perspektivenvielfalt verstehe.

 

Was fordern Sie hier konkret?

Ich mache immer gerne den Unterschied zwischen kritischem Journalismus und kritisierendem Journalismus: Wir haben uns angewöhnt, etwas für kritischen Journalismus zu halten, wenn man möglichst viele Gegenstimmen findet. Dabei laufen wir Gefahr, in die False-Balance-Falle zu tappen und nicht mehr die richtige Gewichtung von Stimmen und Gegenstimmungen hinzubekommen. Aber auch das ist Aufgabe des Journalismus. Wir haben manchmal den Hang, beispielsweise zu einem neuen Kabinettsbeschluss möglichst viele kritische Stimmen einzusammeln – da nehme ich jetzt fast gar kein Haus aus. Da mache ich aber ein Fragezeichen dahinter. Und dann kommt noch dazu, dass wir sehr zugespitzt formulieren, gerade in unseren Headlines. Aber pointierte Überschriften sind kein Freifahrtschein für das Verbiegen der Wirklichkeit.

 

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Wir haben in diesen Tagen ja gerade ein Jahr lang Koalition, und alle lassen sich stundenlang darüber aus, wer angeblich wen in der Villa Borsig angebrüllt hat. Das ist mir komplett wurscht. Wenn hinter den Kulissen miteinander gerungen wird, kann es auch mal laut werden. Wir Journalisten sollten nur erst mal in der Tiefe klären, worum es geht. Ein wunderbares Beispiel war kürzlich die Diskussion über das Rentenniveau. Das sollte ja auf 47 Prozent abgesenkt werden. Und dann hab’ ich mir bei uns im SWR irgendwann mal die Frage erlaubt: Sag mal, 47 Prozent wovon eigentlich? Das wusste niemand im Raum. Aber wir lassen schon mal alle Protagonisten auflaufen, die den Untergang des Sozialstaats wähnen, noch bevor auch nur ein einziger, weder unter den Journalisten noch im Publikum, kapiert hat, worum es eigentlich inhaltlich geht! Das meine ich mit in die Tiefe gehen: Erst kommt das Verstehen, dann kommt die Debatte.

 

Sie fordern außerdem mehr Respekt vor denen, über die berichtet wird. Wie meinen Sie das?

Unsere Berichtsobjekte sind Menschen aus Politik, Wirtschaft, Kultur. Und hier schleicht sich – da nehme ich kein Medienhaus aus – immer mehr so ein despektierlicher Ton ein. Nach dem Motto: Eigentlich wissen wir Journalisten es besser als die Politiker oder die wirtschaftlichen Akteure. Ganz flau wird es mir, wenn es um demokratische Prozesse geht. Demokratischer Rechtsstaat ist anstrengend. Aber genau hier darf es sich der Journalismus nicht zu leicht machen und lässig sagen: Die streiten ja nur. Nein, die ringen um die beste Lösung. Aber Begriffe wie Debatte, Diskurs, Dialog, Diskussion scheinen auf dem Index zu stehen, sie kommen fast gar nicht mehr vor, wir reden nur noch über Streit. Dabei müsste die Diskussion dahin gehen, zu fragen: Wie können wir Demokratie sichern, indem wir sie effizienter machen und uns nicht dazu hinreißen lassen, despektierlich über demokratische Prozesse zu berichten?

 

 

 

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