Vermischtes
KNA – Wilfried Urbe

Comeback der Diktatoren: Intensive Krisenstimmung beim 10. „Forum für Journalismuskritik“

Zwischen TikTok, Demokratiekrise und digitalem Hass: Beim Jubiläum des Kölner „Forums für Journalismuskritik“ ging es um die Zukunft unabhängiger Medien – und darum, wie Demokratie heute vermittelt werden kann.

Köln (KNA) – Das Kölner „Forum für Journalismuskritik“ feierte am vergangenen Freitag mit seiner zehnten Ausgabe Jubiläum. Das Motto der Veranstaltung „Game over? – Journalismus zwischen Umbruch und Aufbruch“ hätte wohl auch zu den vorangegangenen Konferenzen gepasst. Denn die Konzepte „unabhängige Berichterstattung“ sowie „Demokratie“ stehen stärker denn je unter Rechtfertigungsdruck – ausgelöst durch das Comeback von Diktatoren sowie eine digitale Revolution, die sich jedweder Kontrolle entzieht.

 

Und so wurde in der Domstadt erneut darüber diskutiert, wie ein zeitgemäßer Journalismus aussehen sollte. Als ein Beispiel dafür wurde der „Moderator und Newsfluencer“ Fabian Grischkat vorgestellt. Rund 240.000 User auf Instagram verfolgen seine Mischung aus Nachrichten, Aktivismus und Humor, zugeschnitten auf eine junge Zielgruppe. Und das ist wohl auch nötig.

 

„Wir erleben multiple Krisen, die vor allem auf junge Menschen mehr denn je einprasseln. Natürlich gab es auch vor meiner Generation schon Krisen, aber sich überschneidende und so intensive Krisen haben wir zuvor nicht erlebt“, umriss der 25-Jährige die Ausgangslage für seine Generation, die um das Jahr 2000 das Licht der Welt erblickte. Damals lebte die eine Hälfte der Menschheit in Demokratien, die andere in Autokratien. Heute bestimmen Despoten die Geschicke von dreiviertel der Bevölkerung.

 

Kurze Aufmerksamkeitsspanne

Seitdem hat sich auch der Medienkonsum radikal verändert. Was früher Zeitung und „Tagesschau“ waren, sind heute TikTok, Instagram und YouTube. Information sowie Meinungsbildung finden inzwischen in Feeds, Kommentaren und Algorithmen statt. „Und ich denke, gerade bei so einer Schnelllebigkeit im sozial-medialen Raum – wir reden da von einer Aufmerksamkeitsspanne von ein bis drei Sekunden, die im Schnitt ein Beitrag dort bekommt – wenn man es da schafft, Menschen mal länger als drei Sekunden, vielleicht 30 Sekunden, vielleicht auch mal drei Minuten dran zu halten, indem man zum Beispiel einen Witz einbaut“, dann sei das schon ein Erfolg.

 

Wie tiefgreifend sich der aktuelle Umbruch gestaltet, machte die langjährige Bundesministerin und CDU-Politikerin Annette Schavan ebenfalls klar: „Wir waren zutiefst davon überzeugt, dass Freiheit nach der Wiedervereinigung Europas so attraktiv ist, dass sich dieses Konzept überall in der Welt durchsetzen kann.“ Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, der von Russlands Präsidenten Wladimir Putin als „schlimmster Tag des 20. Jahrhunderts“ beschrieben wird, hatten die Staatschefs beispielsweise gehofft, bis 2030 den Hunger in der Welt überwinden zu können. All das breche nun „irgendwie“ auf: „Das ist ein schmerzhafter Prozess, finde ich, dieses Abschiednehmen von dem, wovon wir zutiefst erfüllt waren.“


Hoffnung auf eine bessere Welt

Deutliche Worte fand auch ihr Kollege Jean Asselborn. „Diese europäische Lebensweise, die wir haben und die unsere Eltern oder Großeltern nicht so gelebt haben, müssen wir verteidigen“, forderte der ehemalige luxemburgische Außenminister. „Und das verteidigen wir nur mit den Werten Freiheit und Demokratie – und das ist genau das Gegenteil von dem, was jetzt diese drei Raubtiere in der Welt – die Russen, die Trump-Amerikaner und die Chinesen – vorhaben“, so der Sozialdemokrat von der Lëtzebuerger Sozialistesch Aarbechterpartei.

 

Aber wie mit der ganzen Gemengelage medial umgehen? Die katholische Ordensfrau und Autorin Emmanuela Kohlhaas fragte sich angesichts der Diskussion in der Domstadt „spontan“, ob die beiden großen gesellschaftlichen Kräfte Politik und Journalismus überhaupt noch gestalten: „Oder sind sie nur reaktiv unterwegs und in gewisser Weise Spielbälle von Entwicklungen, die woanders herkommen?“

Mit Blick darauf äußerte Fußball-Legende Ewald Lienen konkrete Kritik an der medialen Umsetzung, wenn es um die Diskussion wichtiger Themen geht, etwa dem Einerlei in vielen Talkshows: „Ich habe das selbst auch am eigenen Leib erlebt – wurde eingeladen und nach einem Vorgespräch wieder ausgeladen, weil meine Meinungen nicht gepasst hätten.“


Mediale Oberflächlichkeit

Wenn nur über Oberflächlichkeiten ohne tiefergehende Analysen diskutiert würde, dann bräuchte es solche Formate auch nicht, meinte Lienen, der in den 1980er Jahren unter anderem bei der Initiative „Sportler gegen Atomraketen – Sportler für den Frieden“ aktiv war: „Das ist wie ein TV-Krimi, den ich einschalte und schon an der Schauspielerbesetzung sehe, wer der Mörder ist.“

 

Diese Einschätzung stand in direkter Verbindung zu dem anschließenden Exkurs über die „vergessenen Nachrichten“. „Wir stellen immer wieder fest, dass Menschen aus vulnerablen Gruppen das Problem haben, Gehör zu finden“, resümierte Hektor Haarkötter von der Initiative Nachrichtenaufklärung: „Geschichten aus dem globalen Süden haben es speziell in deutschen Medien sehr schwer, Erwähnung zu finden.“ Und immer wieder gebe es Einreichungen von Menschen „aus allen möglichen Formen von geschlossenen Anstalten, seien es Gefängnisse, Pflegeheime, Psychiatrien und so weiter.“


Vulnerable Gruppen kommen nicht vor

Eine ähnliche Problematik, aber praktisch im entgegengesetzten Raum, tut sich in der digitalen Welt auf. „Wir sehen jeden Tag Missstände im Internet, vor allen Dingen sehen wir sehr viel Gewalt, digitale Gewalt im Netz. Und wir sehen natürlich, dass Menschen darunter leiden, dass Betroffene allein gelassen werden“, erklärte Stephanie Zacharias von HateAid. Die NGO wurde im Rahmen der Veranstaltung mit dem Günter-Wallraff-Preis ausgezeichnet.

 

„Wir sehen auch die Plattformen, die sich daran bereichern, für die es ein Geschäftsmodell ist, Hass und Hetze auch weiter zu schüren und die daran Geld verdienen und kein Interesse daran haben, eben auch ihre Plattform anders aufzubauen, ihre Algorithmen zu ändern, sondern sich am Leid von Betroffenen bereichern“, umriss Zacharias zum Schluss der Veranstaltung das Dilemma.

 

Weshalb Organisationen wie HateAid unverzichtbar sind – was sich bereits in der nüchternen Bilanz des Mannes zeigt, nach dem der von der Initiative Nachrichtenaufklärung vergebene Preis benannt ist: „Allein im Jahr 2024 hatte das Team 7.500 Mal Betroffene unterstützt“, so Günter Wallraff in seiner Laudatio. Dabei seien 326 Strafanzeigen finanziert und fast 200 Abmahnungen und Zivilklagen ermöglicht worden: „Das sind keine abstrakten Zahlen, das sind konkrete Akte von zurückgewonnener Selbstbestimmung. Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Mensch.“

 

 

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